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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 49

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Aufstieg und Abstieg
Date
1923-01-01
Page
49 (sequence 12)
Language
German
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Aufstieg und Abstieg 49 Was aus der Ziegelei geworden ist, weiß Gott allein! Seit vielen Monaten steht sie leer und ist ein Schlupfwinkel für allerlei Gesindel. Und die Ziegel? — Ein Drittel ist gestohlen, ein Drittel ist in den Boden eingesunken, und ein Drittel weicht allmählich auf und verunreinigt die Straße; und schon hat Rabbi Chanan Abba vom Bürgermeister der Stadt eine Aufforderung bekommen, einen Zaun darum zu bauen. *3* Als Rabbi Chanan Abba noch wegen des Rabbinats auf Reisen war, hatte „ er einmal in seiner Ziegelei übernachtet. Dabei hörte er, wie zwei Arbeiter eine Geschichte von einem Schuster erzählten, der auf der Lotterie tausend Gulden gewonnen hatte. Ein einfacher Schuster war es, der sein Lebtag lang noch kein Goldstück vor Augen gesehen hatte, und über Nacht war er ungeheuer reich geworden. Vielleicht denkst du, die Nummer sei ihm im Traum offenbart worden? Nicht im geringsten! Sondern er kam einfach, zog die Losnummer, setzte und gewann. Manche sagen, es wäre im Jubiläumsjahre des Kaisers gewesen; er zählte ab und setzte auf die Zahl seiner Jahre. Rabbi Chanan Abba hörte die Erzählung von dem Schuster. Wahrscheinlich ging das Gehörte zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder heraus. Aber jetzt, wo er verlassen dasitzt, steigt ihm der Gedanke auf, sein Glück in der Lotterie zu versuchen. Wer weiß, vielleicht kommt dadurch Hilfe. Gesagt, getan! Rabbi Chanan Abba versuchte das Glück und schickte zwei Silbermünzen, um sie in der Lotterie zu setzen auf die Zahlen aus den Anfangsbuchstaben der Wörter des Schriftverses: Aus dem Kote erhebt er den Dürftigen. Der Bote kam zurück und bt achte die Silb-rstücke wieder, denn die Liste war schon geschlossen und nach Wien geschickt. Aber die Lotterien in Lemberg und in Brünn sind noch offen und nehmen Einsätze an. Rabbi Chanan Abba hatte zuerst überhaupt nichts weiter gedacht, obgleich er wirklich das Los gewinnen wollte. Als der Bote gegangen war, hatte es ihn nicht mehr interessiert. Jetzt aber, als er wiederkam und sagte: So und so steht es, — geriet sein Herz in Wallung, als ob ihm etwas verloren gegangen wäre. Plötzlich zog er zwei Gulden heraus und setzte den einen auf die Lotterie in Lemberg und den andern auf die Lotterie in Brünn, damit, wenn er gewinnen sollte, er eine große Summe verdiente. Denn was kann er schließlich mit wenigen Silberstücken gewinnen? Nun sieh, gerade in dieser Woche werden in Wien die Zahlen gezogen, die den Anfangsbuchstaben der Wörter des Schriftverses: Aus dem Kote erhebt er den Dürftigen, entsprechen. Die Zahlen werden gezogen, und kein Mensch hat gewonnen. Hätte er das Geld und die Nummern telegraphisch geschickt, hätte er gewonnen. Nachdem alles vorbei ist, kommt der Verstand! In Zukunft wird er klüger sein! Von da ab nutzte er die Stunde. Kamen ihm Zahlen in den Sinn, so setzte er sie sogleich. Stellte sich heraus, daß die Liste in seiner Stadt schon Heft 1 4

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