Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Aufstieg und Abstieg
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 48 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101203-3108815--6710-3108874- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
48 S. J. Agnon: Der eine stiehlt alles, was ihm unter die Hände kommt, und der andere betrügt die Leute, und keiner achtet darauf, die Waren zur rechten Zeit zu bestellen. Ob sein Schwiegersohn Sieger bleiben wird, scheint zweifelhaft, und wenn selbst — wovon soll er sich ernähren? Auf Rabbi Chanan Abba ist kein Verlaß mehr. Um den Laden sieht es traurig aus, blase ihn an und er fällt um. Zu Rabbi Chanan Abba haben die Käufer kein Vertrauen mehr, sie verschwinden einer nach dem anderen. Schade um die Ausgaben, die er für die Angestellten hat, die ihr Brot ohne Arbeit essen, und nichts tun als die Waren staubig machen. Aber seine Angestellten machten sich davon, bevor er sie entließ. Zuerst verschwand der Buchhalter aus dem Laden. Er hatte in den Hauptbüchern nachgesehen und gefunden, daß sein Herr kein Geld hatte, um den Lohn der Diener und Angestellten zu bezahlen, und ging. Er fuhr in eine andere Stadt und wurde Teilhaber eines reichen jungen Mannes, der keinen Unterhalt mehr von seinem Schwiegervater bekam. Sie gingen hin und machten einen Laden auf. Der Buchhalter fungierte als Sachverständiger und Kenner — und der junge Mann als Kapitalist. Nur wenige Jahre vergingen, und der junge Mann war der Sachverständige und Kenner und der Buchhalter der Kapitalist. Er machte sich einen eigenen Laden auf und stieg immer mehr empor. Er hat auch eine passende Frau geheiratet, die Tochter ordentlicher Leute. Sie kocht ihm jeden Tag morgens eine Mehlsuppe mit Butter, und sein Leib wird immer fetter, und man sieht an ihm schon den Ansatz zu einem Bauch. Und weil er von Natur ein bescheidener Mensch war, und im Hause eines frommen Juden groß geworden, so führt er auch ein braves Leben: sein Herz ist offen für jede Art von Wohltätigkeit, er ist erster Synagogen Vorsteher im Bethaus, und bei den nächsten Vorsteherwahlen wird er vermutlich zum Vorsteher über die Gemeinde bestellt werden. Nach dem Buchhalter ging der erste Verkäufer. Seit der Zeit, wo Rabbi Chanan Abba wegen des Rabbinats fern war und sich nicht ums Geschäft kümmerte, hatte er sich die Gunst der Käufer erschlichen, und als er einen Laden eröffnete, vis-a-vis vom Laden seines Herrn, ging die Mehrzahl der Käufer zu ihm über. Ebenso handelte auch der zweite Verkäufer; er machte einen Laden auf und kaufte ein altes Ellenmaß, damit die Dörfler ihn für einen alten und erfahrenen Kaufmann hielten, und mit dieser Elle verrichtete er wahre Zauberdinge. Die Angestellten steigen immer höher, und Rabbi Chanan Abba sinkt immer tiefer. Der Laden ist leer, keine Waren darin. Bis jetzt drängt der Vermieter ihn noch nicht. Solange kein anderer kommt, der ihn mieten will, sitzt Rabbi Chanan Abba da, kaut an seinem Barte und nagt am Ellenmaße, sieht die leeren Schränke und Truhen, und die Tische, die ganz verstaubt sind. Ach, die Tage sind vorüber, wo die Schränke voll von allem Guten waren und die Tische voll von Geld. Könnte man dort nicht Holzstückchen wegnehmen für das Nägelverbrennen, wären sie zu nichts nütze.