Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Aufstieg und Abstieg
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 47 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Aufstieg und Abstieg 47 erschien in seiner ganzen Pracht zur Beförderung von Weisheit und schönem Stil. Und jeder, der Sinn hatte für die Dichtkunst, kaufte sich das Blatt, um seine Kinder in die Tiefen der Stilkunst einzuführen und in ihren Herzen Liebe zur Weisheit und zur hebräischen Sprache zu erwecken. Wie Spreu vor dem Wind verfliegen die Tage und an den Stilisten kommt eine Aufforderung, zum Bezirkshauptmann zu kommen. Was will der Bezirkshauptmann von ihm? Wer weiß? — Das Jubiläumsfest des Kaisers steht vor der Tür, vielleicht lädt man dich wegen eines Festgedichtes! Er zog seine schönsten Kleider an, legte einen neuen Kragen um, und seine Frau selbst band ihm die Krawatte schön, und er nahm einen Spazierstock in die Hand und ging langsam Schritt für Schritt zum Bezirkshauptmann. Und wie es seinen stilistischen Fähigkeiten entsprach, begrüßte er ihn mit einer wohlgesetzten deutschen Rede. Der Bezirkshauptmann zog ein hebräisches Blatt hervor und fragte ihn: Bist du der Verfasser dieses Artikels? — Der Stilist platzte vor Stolz, und wie es seinen Fähigkeiten entsprach, antwortete er: Mein Herr sagt es! Da fuhr ihn der Bezirkshauptmann an: Lump, den Bürgermeister hast du beleidigt! An meinem Kollegen hast du dich vergriffen? — Der Stilist stand wie ein stummer Stein, und kein Wort war in seinem Munde, als ob ihm der Engel einen Nasenstüber gegeben und er die Sprache verloren hätte. Der Bezirkshauptmann überschwemmte den Zitternden mit polnischen Flüchen.- Und er beruhigte sich nicht eher, bis er einem Polizisten gewinkt hatte. Der Polizist nahm ihn beim Arm und führte ihn ins Gefängnis. Warum bleibt er so lange aus? — fragte seine Mutter und wunderte sich. Es muß irgendetwas los sein. Sie schickten hin. Dei Diener kam zurück und brachte die Botschaft, der junge Herr sei verhaftet. Keiner in der Stadt wollte es glauben, aber an der Wahlheit ist nicht zu rütteln. Die Mutter fiel in Ohnmacht und seine Frau seufzte bitterlich. Sie berichteten es dem Rabbi Chanan Abba nach Spinowka. Da kam Rabbi Chanan Abba. Er ging zum Bezirkshauptmann und flehte um Erbarmen, aber es glückte ihm nicht. Er hinterlegte Geld als Bürgschaft und sie ließen ihn frei. Der Sohn kam aus dem Gefängnis. Seine Verwandten kamen überein, daß er nach Amerika fliehen solle. Sein Vater gab ihm alles bare Geld, das er hatte, und er floh. Wegen der Schande floh er. Und seine Frau kehrte mit Schande bedeckt in ihr Elternhaus zurück. 12. Makler gehen aus dem Haus des Rabbi Chanan Abba, und Makler kommen ins Haus des Rabbi Chanan Abba, die einen bleiben mehrere Tage hier, und die andern bleiben mehrere Tage dort. Beide erhalten Reisespesen, Entgelt für ihre Mühe und Geschenke. Und Rabbi Chanan Abba seufzt unter der Last der Mühsal, reist von hier nach dort und von dort nach hier, und das Geschäft bleibt ohne Aufsicht, und die Angestellten tun, was ihnen gefällt.