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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 44

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Aufstieg und Abstieg
Date
1923-01-01
Page
44 (sequence 7)
Language
German
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44 S. J. Agnon: er krumm wird! Brauchen wir ihn etwa um Entscheidungen anzugehen? Aber Israel ist nicht verwitwet! Dieser Reiche hat einen Schwager und auch er gehört nicht zu den Armen, und sie sind miteinander verfeindet, Feinde von ganzer Seele; seit sie daran gingen, den Nachlaß ihres Schwiegervaters zu teilen, ist kein Tag ohne Streit hingegangen. Und auch er hat Zutritt bei den Behörden; alle Türen stehen ihm offen. Der ging zum Kreisvorsteher und erzählte ihm die ganze Sache. Da schickte der Kreisvorsteher hin, und man versiegelte das Bad. Er sagte: Nun soll euer Rabbiner einen Ausweg finden. Kurz, sie kamen von Spinowka zu Rabbi Chanan Abba und sagten zu ihm: Rabbi Chanan Abba, es ist eine gottgefällige Tat, eine ganze Gemeinde zu retten. Wenn Euer Schwiegersohn nur auf einen Sabbath zu uns käme, sofort würden alle ihm nachlaufen. — Die Worte machten Eindruck auf ihn, und er mischte sich in den Streit. Er mischte sich in den Streit, und von da an gab es kein Zurück mehr. 8. Die Schwiegertochter des Rabbi Chanan Abba hatte in Franzensbad eine neue Welt gesehen. Die meisten Menschen, die zu den Heilquellen kommen und nicht wirklich krank sind, folgen natürlich ihren Wünschen, denn sie gehen müßig und haben keine Sorgen, ihr Geld ist zum Ausgeben da, und ein Gulden gilt ihnen wie ein Kreuzer. Und selbst wer gewöhnlich geizig ist — hier wird er zum Verschwender. Da er nun einmal, „um gesund zu werden** gekommen ist, muß er seinen Körper pflegen. Und der Körper, der sich wohl fühlt von Essen und Trinken, Baden und Einreibungen und den übrigen Annehmlichkeiten des Lebens, denkt sogleich, er müsse alles haben. Und von da ab befallen ihn Gelüste, die er niemals gekannt hat. Und kommt er ohne Ehegemahl und stolziert auf seinen Absätzen an einem Orte umher, wo man ihn nicht kennt, so nimmt der böse Trieb von ihm Besitz. Die Schwiegertochter des Rabbi Chanan Abba — Gott behüte, daß sie eine Sünde begangen hätte, aber die Annehmlichkeiten des Lebens führten sie irre. Und als sie nach Hause zurückgekehrt war, schien es ihr, als ob sie ihre Welt zerstörte und ihr Leben in diesem kleinen Städtchen zugrunde richtete. Franzensbad kam ihr nicht mehr aus dem Sinn, und alles, was sie einmal dort gesehen hat, umgarnte sie hier weiter. Sah sie schöne Geräte, sah sie ein schönes Kleid — sofort bekam sie Verlangen danach. Und an jedem Tag, vom Augenblick an, wo sie aus dem Schlafe erwacht, bis man ihr das Frühstück mit Kaffee und Biskuit bringt, liegt sie und träumt von Kleidern und anderen Garderobestücken. Hat sie sich angekleidet, so geht sie zum Laden. Heute will sie braune Seide und Spitzen für ein Kleid, und morgen Atlas und Elfenbeinknöpfe für einen Mantel. Ihr Schwiegervater ist nicht in der Stadt. Er ist mit ihrem Schwager des Rabbinats wegen nach Spinowka gefahren, und ihr Mann sagt zu allem: Ja, umarmt sie und ruft: Gesegnet sei dein Geschmack und gesegnet seist du, meine süße Frau.

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