Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Aufstieg und Abstieg
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 43 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Aufstieg und Abstieg 43 wonach strebt jetzt die Welt? — Nach allen möglichen Schleifen und den Federn unreiner Vögel. Jeden Morgen nach anderen. Ein Wunder nur, daß seine Tochter nicht auch solche absonderlichen Dinge verlangte. 7- Aber auch von ihr kommt ihm nicht viel Freude. Sie hat einen Mann, der ein Rabbinatspatent hat. — Komm und sieh — pflegte Rabbi Chanan Abba zu sagen, — alles, was Gott in der Welt gemacht hat, hat er gut gemacht. — Einen Sohn und eine Tochter hat er ihm gegeben. — Er hatte zuerst gehofft, daß dieser Sohn Rabbiner werden würde, der aber wählte sich einen anderen Weg, und was ihm mit seinem Sohn nicht geglückt war, hatte er mit seiner Tochter ausrichten können. Er hatte sie mit einem vorzüglichen jungen Mann verheiratet, der das Rabbinatspatent besaß. Dieses Patent hatte Geld gekostet, die üblichen „ Kanzleispesen4% immerhin eine Ausgabe, und wie man es auch nennen mag, es bleibt eine Ausgabe. Und deshalb schien es angemessen, ihm einen Rabbinatssitz zu verschaffen, denn täte man das nicht, würde er beim Handel endigen, wie er schon jetzt im Laden ein und ausgeht, und die Dinge der Welt ziehen an. Aber es gibt mehr Rabbiner als Städte. Der Volksmund sagt: Wenn du die Rabbinatsanwärter unterbringen willst, geh und fälle Wälder und baue Dörfer und Städte! Sie dachten hin und her und fanden, daß ein Städtchen namens Spinowka existierte, und der Rabbinatssitz dort war frei. Frei und doch nicht frei, das heißt ein Rabbiner war nicht dort, aber der Rabbiner hatte eine Frau gehabt, die Frau war als Witwe zurückgeblieben und hatte einen Anspruch darauf; aber es war möglich, sie um ein Geringes auszukaufen. Hätte es sich um ihr Anrecht allein gehandelt, wäre das nicht schlimm gewesen. Mit einer Frau kommt man in Geldsachen stets zu einem Aus-, gleich. Was hat denn diese Ärmste zu Lebzeiten ihres Mannes überhaupt bekommen? Er pflegte zu sagen: Hätte ich nicht jeden Montag und Donnerstag gefastet, ich wäre vor Hunger gestorben. Aber in dieser Stadt gibt es einen Reichen, und dieser Reiche hat einen Schwiegersohn, und dieser Schwiegersohn hat ein Rabbinatspatent. — Er hatte schon begonnen, sich als Lehrer in Israel aufzutun. Obgleich sein Lehrer schrie wie ein Kranich: Habe ich dir das Patent überhaupt zum Lehren gegeben? doch nur damit du beim Studium bleibst! — beschloß der Reiche aus ihm einen Rabbiner zu machen, wie es im Thalmud heißt: Der Drache bekommt Junge und halst sie noch den Leuten auf. Hätte nur der Reiche es gewollt, so hätte, wer von ihm abhängt: Ja! und wer nicht von ihm abhängt: Nein! gesagt. Was tat er? Er ging zum Bürgermeister und bestach ihn. Darauf machte der Bürgermeister den Leuten eine Andeutung, daß die Militärmusterungen bald kämen; wenn sie ihm gehorchten, sei es gut, wenn nicht, so müsse die ganze Stadt dienen. Lebensgefahr! Sie erklärten sich einverstanden. Sie sagten: Möge er Rabbiner sein, bis