Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Aufstieg und Abstieg
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 45 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101203-3108815--6707-3108871- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Aufstieg und Abstieg 45 Nähte sie sich ein neues Kleid, machte sie sich neue Schuhe, garnierte sie sich einen neuen Hut, so vergaß sie natürlich auch ihre Tochter nicht. Kann eine Frau ihr Kind vergessen? Das Kind steht den ganzen Tag wie eine Puppe, der man die verschiedenen Kleider anprobiert. Sie zog seidene Gewänder an, und ihr Gesicht ist rot vom Essen und Trinken, und nun kommt sie und hält Gericht über die Kleider ihres Mannes. Die einen sind so lang wie das Galuth, die andern haben eine Farbe wie eine Maus, die in einen Sahnetopf gefallen ist, und beide waren seit Erschaffung der Welt dazu ausersehen, gegen andere vertauscht zu werden. Kurz, es vergingen wenige Tage, und da war kein Platz mehr für Kleider in ihren Schränken. Eine tüchtige Hausfrau läßt sicherlich nicht zu, daß sich die Kleider überall herumtreiben. Da ließ sie für sie Schränke machen. Man brachte die Schränke ins Haus. Da sah sie, daß die Farbe der Uhr nicht wie die Farbe der Schränke war, und die Farbe des Tisches und der Stühle wieder nicht zu ihnen stimmte, und folglich bestellte sie andere. Und als sie das Zimmer in seiner Pracht sah, sagte sie: Ist ein Zimmer, das so voll ist von Kostbarkeiten, ohne Teppiche denkbar? Sofort kaufte sie Teppiche. Da fing die Magd an zu murren, sie könne nicht so schwere Teppiche ausschütteln, und wenn man nicht eine zweite Magd einstelle, würde sie sofort am nächsten Ersten gehen. Aber auch die Hausfrau ist nicht sonderlich mit der Magd zufrieden. Nichts ist ärger, als eine Magd viele Jahre zu behalten. Wenn die Magd auf den Hausrat zu sprechen kommt, im ersten Jahre was sagt sie?: Der Hausrat der Hausfrau! — im zweiten: Unser Hausrat; und von nun ab: mein Hausrat! Aber bis sich die neue eingewöhnt hat, mag diese noch bleiben. Dabei gewöhnt sie sich an zwei Mägde. Denn auch die neue mag ihre Arbeit nicht allein tun. Die Frau des Rabbi Chanan Abba sieht es, und ihre Augen vergehen vor Kummer. Aber wegen des Hausfriedens schweigt sie. Warum sollen die Leute sagen: Die Schwiegermutter beneidet ihre Schwiegertochter. Mag Rabbi Chanan Abba kommen und zum Rechten sehen. 9- Rabbi Chanan Abba ist fern von seinem Hause. Er weilt in Spinowka, um seinem Schwiegersohne das Rabbinat zu verschaffen, und hat ihm schon ein großes Haus gemietet. In dies Haus tat er schöne Geräte, ließ Wagen voller Bücher kommen und stellte zwei Kerle an, die es bewachen, und einen Diener, der ihn bedienen sollte. Seiner Tochter kaufte er eine Perücke aus Seidenfäden, damit sie wie die Frau eines Rabbiners auftrete, und ihre Mutter schickte eine Magd von zu Hause, die sich darauf verstand, zu backen und zu kochen, und man gibt Gastmähler und Gelage für seine Anhänger: einen fetten Borscht und Kartoffeln bei Sabbathausgang, und Gänsekröpfe und Honigwasser an den Neumondtagen. Und das Haus ist von einem Ende bis zum anderen voll von „Litwaken"