Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Aufstieg und Abstieg
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 41 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101203-3108815--6703-3108867- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Aufstieg und Abstieg 4* sich zu ihm und fragten ihn: Was fehlt Euch, Rabbi Chanan Abba, daß Ihr so betrübt seid? Da brach er in Weinen aus und weinte laut. Rabbi Chanan Abba schlummerte unter Weinen ein und hatte einen absonderlichen Traum. Es schien ihm, daß Freitag sei. Seine Frau gab ihm Wäsche heraus, damit er zum Bade gehe. Er nahm die Wäsche und ging in die „Klaus", um Branntwein beim Synagogendiener zu bestellen, gab ihm sein Hemd in Aufbewahrung und ging seines Weges. Als er zurückkam, sagte man ihm, sein Hemd sei gestohlen, und der Dieb sei festgenommen und stehe dort. Da ging Rabbi Chanan Abba und sah sich den Dieb an. Der Dieb liegt da, wie ein griechisches K, versengt und glatt wie ein Aal, und mit Öl eingeschmiert. Er scheint keinen Kopf zu haben. Rabbi Chanan Abba fragt: Was ist das? Sie antworten ihm: Man hat den Dieb in eine Bütte mit siedendem Öl gesteckt, und er wurde versengt. Rabbi Chanan Abba freut sich und ist betrübt, freut sich, daß sie den Dieb festgenommen und ihn gebührend bestraft haben, und ist betrübt wegen eben dieser Freude, die er über solch eine Grausamkeit empfindet. Während er noch so steht, kommt ein Mensch und schreit: Kolibri. Da erwachte Rabbi Chanan Abba und warf einen Blick auf den Wagen, um zu sehen, ob all seine Habe noch an ihrem Orte sei, wusch seine Hände und stand auf. Viele Male am Tag sagte er sich: Du hast einen guten Traum gehabt! Er hatte ja eine Art Fisch gesehen, und wie die Fische im Meere vom Wasser bedeckt sind, und der böse Blick keine Macht über sie hat, so hat auch über mich der böse Blick keine Macht. Und auch den Kolibri erklärte er sich, denn er hatte unter den Neuheiten des Jahrmarktes ein buntes Vögelchen gesehen, das Kolibri genannt wurde. So kamen sie zu Hause an. 5. Sie kamen zu Hause an, und seine Frau und seine Familie kamen heraus ihm entgegen, umarmten ihn und küßten ihn, fragten nach seinem Wohlergehen und nach seinem Geschäft auf dem Jahrmarkt: ob er dort eine schöne Wohnung und jeden Tag warmes Essen gehabt, und ob er viel Waren eingekauft und bei wem er gekauft habe; ob der und der Kaufmann mit all seinen Waren gekommen sei und ob man den und den Dieb festgenommen und bestraft habe. Und überhaupt: wie? und was? Und sie spähten umher, um irgendwelche Geschenke zu entdecken, die er vom Jahrmarkt mitgebracht hätte. Rabbi Chanan Abba stand da wie ein Stummer. Die Fragen hörte er kaum, und es versteht sich, daß er nicht antwortete. Plötzlich erinnerte er sich daran, daß er kein Geschenk vom Jahrmarkt mitgebracht hatte; da flüsterte er dem Buchhalter zu, er möchte gehen und welche kaufen. „Ich verlasse mich auf dich", sagte er leise zu ihm, „du wirst ja wissen, was sie sich wünschen!" Und da der Buchhalter nun einmal die Erlaubnis hatte zu kaufen, ruhte er auch nicht, bis er vom Besten gekauft hatte. Er dachte,