Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Aufstieg und Abstieg
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 40 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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40 S. J. A g n o n : Abba, solch eine Ware trifft man kaum einmal alle Jubeljahre! Ist das überhaupt noch Wolle? — Seide ist es! Seide? — Es ist ja geradezu Öl! Da rührte er mit der äußersten Fingerspitze daran, aber sogleich riß er sie wieder davon zurück: Das ist keine Ware für mich. So lehnte er jede Ware ab, denn der Beutel war leer und kein Geld darin. Sie blieben mehrere Tage dort, bis es Zeit für ihn war zurückzukehren. Rabbi Chanan Abba rechnete mit den Sachverständigen nach Billigkeit ab. Zu Hause, in seiner Stadt wird er sie sicherlich bezahlen, ob nun für ihre Mühe oder für Nichtstun. Gott wird helfen! sagte er. Es macht nichts. Wenn es nicht Laschkowitz war, so ist da noch Uhniw und wenn nicht Uhniw, dann Leipzig. Die Zeit der großen Messe kommt schon näher. Ich will hinfahren und mich umsehen, und dort werde ich sicherlich etwas finden, wie ich es brauche. Nicht als ob es in Laschkowitz an irgendetwas mangelte. Aber, was soll ich tun! Was ich suchte, habe ich nicht gefunden, und was ich fand, gefiel mir nicht. Der Mensch hat so seine Wünsche! Vorläufig ist in meinem Laden, gelobt sei Gott, noch Ware zum Verkaufen, und die Leipziger Messe steht schon vor der Tür. Wenn ich nicht irre, fällt sie dieses Jahr in den Januar, wie es im Kalender steht, — sagte Rabbi Chanan Abba lächelnd, als ob ein Kaufherr wie er einen Kalender brauche, um das Datum eines Jahrmarktes festzustellen — ich fürchte, die Zeit wird kommen, und wir werden unsere Ware noch haben. Kurz, Rabbi Chanan Abba kaufte überhaupt nichts, abgesehen von dem, was ihm die großen Kaufleute gegen seinen Willen aufdrängten. Sie sagten: Rabbi Chanan Abba kommt nach Laschkowitz und sollte ohne Waren fortgehen? Da luden sie ihm allerlei auf, was sie auswählten, Ballen von Wolle, Seide, Samt und Atlas, alles vom Allerfeinsten, damit ihre Läden bei Rabbi Chanan Abba nicht für das nächste Jahr in Vergessenheit gerieten. Andere Kaufleute hätten an dieser Ware für viele Jahre genug gehabt, aber für einen Kaufmann wie ihn ist dies wie ein Gürtel auf einen Mantel. Die Fuhrleute spannen die Pferde »in und bringen die Wagen in Ordnung; die Wagen sind leicht und das Herz ist schwer. Rabbi Chanan Abba kehrt nach Hause zurück. 4- Auf dem Wege, als sie an die Stelle kamen, wo er sein Geld verloren hatte, sagte Rabbi Chanan Abba bei sich: ich will doch absteigen und wenigstens die Stelle sehen, an der mein Geld verloren gegangen ist! Er stieg vom Wagen ab und befahl, daß sie weiterfahren sollten. Als er an jene Stelle kam, sah er seinen Beutel vor sich liegen, all sein Geld war unversehrt da, keine Hand hatte an das Geld gerührt. Er nahm seinen Beutel, tat ihn an seine Brust, und stieg wieder auf den Wagen. Von da ab unterhielt er sich mit niemandem, und der Kummer seines Herzens war ohne Ende. Er saß die ganze Zeit und steckte sein Gesicht ins Buch und er erkannte keinen einzigen Buchstaben. Seihe Begleiter wandten