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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 39

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Aufstieg und Abstieg
Date
1923-01-01
Page
39 (sequence 2)
Language
German
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Aufstieg und Abstieg 39 2. Einmal fuhr Rabbi Chanan Abba auf den Jahrmarkt nach Laschkowitz wie gewöhnlich. Es war in den Sommertagen, Rabbi Chanan Abba brach auf mit frohem Herzen, mit fröhlichem Gesicht und mit strotzendem Beutel. Der Weg war voll von Hin- und Zurückreisenden, die einen im Wagen, die andern auf Pferden, und es waren doppelt soviel Fußgänger wie beim Auszug aus Ägypten. Rabbi Chanan Abba sitzt auf dem schwankenden Wagen, der Wagen ist von innen mit Stoff ausgeschlagen, und ein Buchhalter und zwei Sachverständige sitzen rechts und links von ihm. Er hat ein offenes Buch vor sich, um ein wenig hereinzuschauen, und sein Schnupftuch liegt zwischen seinen Knien und seine Tabakdose aus reinem Silber, aus der er schnupfen und anderen anbieten kann. Die Sachverständigen sitzen und reden über Handel und Händler, Städte und Jahrmärkte, und über den Unterschied zwischen heutzutage und früher. Früher, da war es noch möglich, die Schätze Korachs zu verdienen, Gold im Vorübergehen aufzuhäufen. Und der Buchhalter sitzt bescheiden da, eine dürftige Erscheinung, hört und lauscht und begeistert sich an den vergangenen guten Tagen. Rabbi Chanan Abba seufzt auf, und es liegt darin etwas wie ein Dank für Gott. Gelobt sei Gott jeden Tag. Auch heute hat Gott, gelobt sei er, ihm seine Liebe und Treue nicht entzogen. Und möchte ich dessen alle Tage vor ihm würdig sein. 3- Wie es scheint, war er dessen nicht würdig. An jenem Tage stieg er ab, um seine Notdurft zu verrichten. Der Wagen fuhr des Anstandes wegen weiter und erwartete ihn. Er verrichtete seine Notdurft, kam zurück, stieg auf den Wagen, sprach den Segensspruch „der den Menschen in Weisheit gebildet hat", und befahl, sie sollten fahren. — Sie fuhren. Und weil sie sich etwas aufgehalten hatten, befahl er, schnell zu fahren. — Sie fuhren schnell. Indessen machte er es sich wieder bequem, legte sein Kissen zurecht, um sich darauf zu setzen, nahm eine Prise Tabak, um zu schnupfen, und das Tuch, um seine Nase abzuwischen und ging daran, ein wenig in das Buch zu schauen. Plötzlich tastete er an seine Brust. — Das Geld war nicht da! Sein Gesicht wurde weiß, Schrecken erfaßte seine Glieder, und mit ganzer Kraft bezwang er sich, nicht laut und bitter zu schreien. Er kehrte nicht um zu der Stella, wo er sein Geld verloren hatte. Er wußte wohl, daß er schon an einer Stelle, wo überhaupt Hin- und Rückreisende vorbeikommen, keine Hoffnung hatte, daß er seinen Beutel finden werde. Wieviel weniger in diesem Falle, wo so viele vorübergehen, und sein Beutel groß ist. Und damit man seinen Verlust nicht merke und er seinem Kredit nicht schade, stellte er sich, als ob sich gar nichts ereignet hätte. Und als er zum Jahrmarkt kam, wandte er seine Augen weg von jeder Ware, die man ihm vorlegte. Das ist nicht die Ware, die ich suche! Die Sachverständigen traten zu ihm, und flüsterten ihm in die Ohren: Rabbi Chanan

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