Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 36 (sequence 21)
- Language
- German
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36 Arjeh Tartakower: doch die Bewegung von Wien aus dirigiert, wo auch das Zentralorgan der Partei, der „Jüdische Arbeiter" zu erscheinen begann. Der Einfluß der russischen Partei auf die österreichische stieg besonders seit den Jahren I9°S—6, wo eine Reihe bedeutender Führer der Poale-Zion (unter ihnen auch Borochow) als politische Flüchtlinge nach Österreich kamen. Das Programm der österreichischen Poale-Zion wurde auf der 3. Parteikonferenz (Oktober 1906) beschlossen. Charakteristisch ist, daß dort die territoriale Lösung der Judenfrage als Schaffung einer Wirtschaftseinheit bezeichnet, also im wirtschaftsstarken Sinne definiert wird. Dies geschah unter dem Einfluß Max Rosenfelds (geb. 1884, gest. 1919), der bereits damals (neben Kaplansky und Groß) zu den bedeutendsten Führern der österreichischen Poale-Zion gehörte. Die Poale-Zionbewegung in Amerika (Vereinigte Staaten) entstand 1905 und entwickelte sich sehr schnell. Bereits auf der ersten Konferenz in Baltimore waren Gruppen aus acht Städten vertreten. Die Organisation als solche stand anfangs der zionistischen Partei sehr nahe und betonte das nationale Moment viel stärker als das sozialistische. In ihrem Programm hieß es, daß sie alle sozialistischen Richtungen und Schattierungen auf zionistischem Boden vereinige. Doch entstand bereits 1906 eine oppositionelle Minderheit in der Organisation, die die allzu große Annäherung an die allgemeine zionistische Ideologie bekämpfte. Auch in Palästina begann sich die Poale-Zionbewegung kurz nach der Einwanderung aus dem Jahre 1905 zu entwickeln, obwohl sie dort vom ersten Augenblick an in der zweiten, fast gleichzeitig mit ihr entstandenen, radikalnationalen Arbeiterpartei Hapoel Hazair einen starken Gegner fand.1) Im Gegensatz zu den S. S. gelang es den Poale-Zion bereits im Jahre 1907 die bis zu jener Zeit entstandenen Landesparteien zu vereinigen und einen Weltverband ins Leben zu rufen, an dessen Spitze ein zentrales Verbandsbureau trat. Diese erste Weltkonferenz der Poale-Zion, auf der die russische, österreichische, amerikanische und palästinensische Partei vertreten war, trat im Anschluß an den achten Zionistenkongreß (Haag 1907) zusammen. Indes zeigte sich bereits auf dieser ersten Konferenz ein sehr starker Gegensatz der Anschauungen zwischen den österreichischen und den amerikanischen Poale-Zion einerseits, die mehr das nationale Moment in der Bewegung hervorkehrten, und den russischen (an deren Spitze Borochow stand), die scharf ihre marxistischen Anschauungen und das Klassenkampfmoment betonten. Eine Zeit lang schien es sogar, als ob dieser scharfe Gegensatz die Bildung eines Weltverbandes vereiteln werde. Indessen gelang es im letzten Augenblick doch, eine Einigung zustande zu x) Über die Geschichte der Poale-Zion in Palästina, sowie über die palästinensische Arbeiterbewegung überhaupt, die in dieser Aufsatzreihe nur kurz gestreift werden wird, siehe meine beiden Aufsätze über die „Arbeiterbewegung in Palästina" sowie über die „Palästinensische Genossenschaftsbewegung" im „Zionistischen Handbuch", herausgegeben von Gerhard Holdheim, Berlin 1923.