Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 34 (sequence 19)
- Language
- German
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34 Arjeh Tartakower: Autonomie mit sich bringen, da sich die türkische Regierung wahrscheinlich auf der Seite der Bourgeoisie in ihn einmischen werde, was seinerseits die Mächte dazu bewegen werde, in die Entwicklung der Verhältnisse einzugreifen und die Autonomie Palästinas durchzusetzen, um sie von der Willkür der Türkenherrschaft unabhängig zu machen. Mit der Erlangung der territorialen Autonomie sei aber auch das Ziel des Proletariats erreicht. Darüber hinaus gehende Ziele verfolge es nicht. Für die Gegenwart, solange es noch keine jüdische Mehrheit im Lande gebe, müsse das Proletariat bloß die Freiheit der Einwanderung, die Unantastbarkeit der persönlichen Rechte der Einwanderer, sowie munizipale Autonomie verlangen. Es sei indessen gegen jedwedes Diplomatisieren und kolonisatorische Projektenmacherei. Diese Worte wandten sich direkt gegen die Politik Herzls, die übrigen damals auch im bürgerlichen zionistischen Lager nicht mehr unbestritten galt. So weit das Palästinaprogramm der Poale-Zion. Im Gegensatz zu den S. S. schränkten sie aber ihr Galuthprogramm nicht ein. In der Palästina- und der Galutharbeit sehen sie zwei gleichwertige Dinge, die sich zwar gegenseitig beeinflussen, ohne jedoch voneinander abhängig zu sein. So könne es auch vorkommen, daß die territoriale Autonomie in Palästina früher verwirklicht werde als die Autonomie in der Galuth. Das Maximalprogramm der Poale-Zion in der Galuth sei die Erreichung der nationalpolitischen Autonomie, die Vorstufen dazu die Freiheit der nationalen Erziehung, die Gleichberechtigung der Sprachen, national-kulturelle Autonomie und proportionale Vertretung in den gesetzgebenden, richterlichen und Verwaltungsinstanzen. Dies sind die charakteristischen Gedankenzüge der drei neuentstandenen jüdischen sozialistischen Parteien. Es gelang ihnen allen in kurzer Zeit, ihre Anhänger um sich zu gruppieren und, mit Ausnahme der Sejmisten (die allerdings auch kleinere Gruppen von Anhängern im Ausland, insbesondere unter den russisch-jüdischen Studenten hatten), auch außerhalb Rußlands Parteiorganisationen zu schaffen. Am stärksten waren in den ersten Jahren unstreitig die S. S. Sie wuchsen bald zu der, nach dem „Bund", bedeutendsten jüdischen sozialistischen Partei empor und nahmen den offenen Kampf mit ihm um die Vorherrschaft in der jüdischen Gasse auf. Fast gleichzeitig mit der Gründung der Mutterpartei in Rußland entstanden Organisationen der S. S. in Galizien und in Nordamerika. In Galizien entstand als erste die Gruppe in Krakau. Es folgte die Gründung der S. S. Gruppen in fast allen größeren Städten. In Krakau und Przemysl entstanden zwei Zentralkomitees, die die Leitung der galizischen Bewegung übernahmen und ihre Tätigkeit schließlich auch auf die Bukowina ausdehnten. Auch unter den bürgerlichen Territorialisten in Österreich fanden die S. S. viele stille Anhänger. Die ,,Nationalzeitung" in Wien widmete eine besondere Abteilung dem Anwachsen ihrer Bewegung. Die amerikanische Organisation der S. S., dort genannt S. T. (Sozialisten-Territorialisten), entstand in demselben Jahr wie die russische (1905). Die in den verschiedenen Städten der Vereinigten Staaten und Kanadas bestehenden Gruppen ver-