Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 33 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101203-3108814--6693-3108859- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 33 nationalen Konkurrenz und der mit ihr verbundenen Ausstoßung der Juden aus allen Wirtschaftszweigen immer größer werde. So sei denn die Aufnahmefähigkeit der neuen Länder für die Juden sehr beschränkt, sie sperren sich nach einer bestimmten Zeit gegen die weitere Einwanderung ab. Für die emigrierenden jüdischen Massen bleibe schließlich nur ein Ausweg übrig: Sie müssen sich nach einem Land wenden, wo sie frei vom nationalen Druck in alle Produktionsarten eindringen können. Dieses Land müsse aber von bestimmter Beschaffenheit sein, um die jüdische Kolonisation zu ermöglichen. Es müsse ein halbagrares, schwach bevölkertes, also ein für die jüdische kleinkapitalistische Emigration geeignetes Land sein, wo die Juden beim Übergang in die verschiedenen Produktionsarten auf keine nationale Konkurrenz stoßen werden. Ein solches Land sei Palästina, und so werde denn die ökonomische Notwendigkeit die jüdischen Massen dazu zwingen, dorthin zu emigrieren. Der Prozeß der Kolonisation Palästinas bedeute natürlich nicht einen mechanischen Prozeß, der sich von selbst ohne aktive Mitarbeit des Volkes verwirklichen werde. Er bedeute bloß einen unvermeidlichen Prozeß. Es werde aber eine intensive Mitarbeit des jüdischen Proletariats an dessen Verwirklichung notwendig sein. Denn so, wie sich in den naturnotwendigen unvermeidlichen Prozeß der Verwirklichung des Sozialismus der regulierende Wille der bewußten Arbeiterschaft einmische, die durch Klassenkampf diesen Prozeß beschleunige, so werde sich auch in den Prozeß der Verwirklichung der Palästinakolonisation der regulierende und beschleunigende Wille des jüdischen Proletariats einmischen. Durch seinen Klassenkampf in der Galuth werde der jüdische Arbeiter die Regierungen demokratisieren und sie dadurch geneigter machen, die jüdischen Forderungen in Palästina zu unterstützen, um so mehr als auch die immer weiter fortschreitende Entartung der Massen der jüdischen Kleinbürger, ihre Verarmung, ihr dadurch hervorgerufener revolutionärer Radikalismus sowie die einzigartige Erscheinung der jüdischen Emigration ohnehin das Interesse der Kulturvölker für die territoriale Lösung der jüdischen Frage wachrufen müsse. In Palästina selbst werde das Proletariat das Werk des Aufbaus mit der Bourgeoisie teilen. Sie werde das schaffende Prinzip regulieren und das Proletariat das befreiende. Die Bourgeoisie werde für die Entwicklung der Kapitalkräfte des Landes sorgen, das Proletariat für dessen Demokratisierung. In den ersten Jahren der Palästinaarbeit sei ein Zusammenwirken des jüdischen Proletariats mit der jüdischen Bourgeoisie durchaus möglich. Die Geschichte kenne viele derartige Beispiele einer vorübergehenden Einigung zwischen Kapital und Arbeit zur Erreichung eines gemeinsamen Zieles. Borochow wies auf die inneren Verhältnisse in Rußland hin, wo gerade zu jener Zeit die Bourgeoisie und die Arbeiterschaft zusammen den Kampf gegen die zaristische Despotenherrschaft führten. Ebenso werde es auch in Palästina zu einer, allerdings nur vorübergehenden, Zusammenarbeit kommen. Schließlich müsse der unvermeidliche Klassenkampf um die soziale Herrschaft im Lande ausbrechen. Und dieser Klassenkampf des jüdischen Proletariats in Palästina werde auch die territoriale Heft 1. 3