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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 32

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
32 (sequence 17)
Language
German
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3* Arjeh Tartakower: das Überwiegen des« Faktors „Arbeit" über den Faktor „Natur". Die Juden seien in den Endstadien der Produktion beschäftigt, dort, wo der Anteil des Bodens, der Natur am Produkt nur noch verschwindend gering, wo in ihm fast nur noch menschliche Arbeit verkörpert sei. In der Produktion von Produktionsmitteln, dem wichtigsten Produktionszweig der heutigen hochkapitalistischen Wirtschaft sei der Jude fast gar nicht beschäftigt. Daher sei die jüdische Produktion wenig bedeutend und schwach, sie falle jeder Wirtschaftskrise zum Opfer. Daher sei aber auch die Kampfbasis des jüdischen Arbeiters eine schwache. Anderseits sei dem jüdischen Arbeiter und dem sich proletarisierenden jüdischen Kleinbürger der Aufstieg in die - höheren Produktionsarten nicht möglich. In die Reservearmee der Nichtbeschäftigten fällt von den jüdischen Kleinbürgern ein größerer Prozentsatz als von den Kleinbürgern der anderen Völker. So fühle denn der jüdische Arbeiter den nationalen Druck auf zweifache Art: Er kürzt einerseits seinen Arbeitsplatz und macht außerdem seine strategische Basis unnormal. Zwischen der Kampflust und den Kampfmöglichkeiten des jüdischen Arbeiters ergibt sich ein tragischer Widerspruch. Der jüdische Arbeiter gleiche Prometheus, dem feurigen Kämpfer um Wahrheit und Recht, der verzweifelt den an seiner Leber fressenden Geier des Kapitalismus erwürgen möchte, aber durch die Anormalität seiner Arbeit in den wenig wichtigen Produktionszweigen die Hände gebunden habe. Somit ergebe sich für den jüdischen Arbeiter als das wichtigste Ziel die Erkämpfung des Arbeitsplatzes und der strategischen Basis. Dies mache ihn zum Kämpfer für die nationale Heimstätte, ebenso wie ja auch andere gesellschaftliche Klassen in ihrem Streben zu deren Erlangung in erster Reihe die durch ihre Klassenzugehörigkeit gegebenen Interessen verfolgen. So sei denn für das jüdische Proletariat sein nationales Streben durch die Anormalität seiner Lage gegeben. Wäre es ein Proletariat eines freien Volkes, so wären ihm die nationalen Fragen gar nicht lebenswichtig. Denn für die Probleme der geistigen Kultur habe das Proletariat kein größeres Verständnis. Hingegen müsse der Klassenkampf eines jeden unterdrückten Volkes eben einen nationalen Charakter. annehmen. Wie verwirklicht sich nun dieses Streben des jüdischen Proletariats nach einer nationalen Heimstätte? Sowohl die Sejmisten, wie auch die S. S. wie auch schließlich die bürgerlichen Zionisten und Territorialisten glaubten, daß man sich die Heimat frei wählen könne. Borochow zuerst führte den Nachweis, daß hier von einer freien Wahl keine Rede sein könne, daß der durch die Entwicklung der Wirtschaftsverhältnisse gegebene Gang der geschichtlichen Notwendigkeit von selbst zur Schaffung der Heimstätte führen werde. Die anormale Lage des jüdischen Volkes zwinge es zur fortdauernden Emigration. Aber auch in den neuen kapitalistischen Ländern zwinge der nationale Druck die Juden dazu, bei ihren alten Berufen und Produktionsarten zu bleiben. Der Zutritt zu den höheren Produktionsformen werde für sie immer schwieriger, indes das Emigrationsbedürfnis der jüdischen Massen nicht nur nicht sinke, sondern infolge der wachsenden

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