Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 30 (sequence 15)
- Language
- German
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30 Arjeh Tartakower: bedeutete, so war es doch von Anfang an klar, daß eine derartige Betonung der Galuthpolitik auf Abwege führen mußte. Die Gegenwartsarbeit wurde den Sejmisten bald zum Selbstzweck, über dem man die Zukunft vergaß. So sollte denn die weitere Entwicklung dem Sejmismus immer weiter vom proletarischen Zionismus fort und dem „Bund" immer näher bringen. Der Ausgangspunkt der Ideologie der S. S. war der Territorialismus, Tatsächlich waren sie die stärkste und bestorganisierte Gruppe unter den Territorialisten, obwohl sie, wie schon erwähnt, sich der „Ito" offiziell nie anschlössen. Sie waren der Ansicht, daß sich Palästina als Heimstätte für das jüdische Volk nicht eigne und daß man daher nach einem anderen Land suchen müsse. So machten sie auch sämtliche fruchtlosen Versuche und Träumereien der Territorialisten mit. Indes brachte sie ihre sozialistische Einstellung zu viel tiefer gehenden Anschauungen. Vom proletarischen Zionismus übernahmen sie die Nichtproletarisierungstheorie und blieben am längsten bei deren ursprünglicher Fassung. So waren sie denn in bezug auf die Zukunft des jüdischen Volkes in der Galuth sehr hoffnungslos, hierin im direkten Gegensatz zu den Sejmisten stehend. In der Galuth müsse das jüdische Volk untergehen (Entartungstheorie). Die Unmöglichkeit der Proletarisierung zwinge das jüdische Volk zu steten Wanderungen, Diesem Phänomen der jüdischen Wanderungen wandten die S. S. ihre ganze Aufmerksamkeit zu. Vom sozialistischen Standpunkt aus ist, nach ihrer Meinung, solange die anormale Lage des jüdischen Volkes dauert, die jüdische Emigration eine begrüßenswerte Erscheinung. Sie sei es, <iie das sozialistische Bewußtsein in den emigrierenden Massen erzeuge und so an Stelle des positiven Momentes der Arbeit im Großbetrieb trete. Denn die Erscheinung der jüdischen Wanderungen sei mit ein Folgezustand der sozialen Ungerechtigkeit. Die jüdische Emigration müsse aber auch letzten Endes zur Schaffung einer jüdischen Heimstätte führen. Der Charakter der jüdischen Emigration habe sich im Lauf der letzten Jahrzehnte verändert. Sie sei früher eine Handelsemigration gewesen und gehe nunmehr in eine Arbeitsemigration über, in eine Emigration von Leuten, die Arbeit suchen. Als solche habe sie die Tendenz, zur neuerlichen Konzentration der Juden in ihren Ansiedlungsländern zu führen. Im Lauf der Zeit müsse sie aber mit den Formen der Konzentration, die sie geschaffen habe, selbst in Widerspruch geraten. Denn je größer die Konzentration, desto stärker sei der Drang zum Großbetrieb, und zu diesem sei dem jüdischen Arbeiter der Weg verschlossen. So müsse also schließlich die jüdische Emigration in Kolonisation übergehen. Es müsse ein Land gefunden werden, wo sich die jüdische Tendenz zur Konzentrierung frei entwickeln und sich schließlich ein bestimmter Teil des Volkes frei und normal proletarisieren könne. Die zur Durchführung der Kolonisation notwendigen Minimalrechte im Kolonisationsland werde sich das jüdische Proletariat in Gemeinschaft mit der jüdischen Bourgeoisie erkämpfen; Hilfe in diesem Kampf werde ihm einerseits von den kolonisierenden Mächten erwachsen, die an der