Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 29 (sequence 14)
- Language
- German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 29 zulassen werden. Es gelte also die nötigen Vorbedingungen auf dem Wege der Galuthpolltik zu schaffen. Nach der Auffassung der Sejmisten sollte sich der Territorialismus aus der Galutharbeit so entwickeln wie der Sozialismus aus dem Kapitalismus. Es müßten zunächst alle Kräfte des Galuthjudentums zur Entwicklung gebracht werden. Auf diesem Wege gelangten die Sejmisten zu ihrem Gedanken der nationalen Autonomie in der Galuth. Der Gedanke war allerdings zu jener Zeit nicht mehr neu. Als programmatischer Leitsatz ist er bereits in der Form ,,Fofderung der national-kulturellen Autonomie" auf der 4. Delegiertenkonferenz des „Bund" im Jahre 1901 proklamiert worden. Aber die Sejmisten gaben ihm eine viel breitere Fassung. Unter dem Einfluß der Gedanken des österreichischen Juristen Springer schufen sie die Parole der national-politischen Autonomie, die sich nicht nur auf kulturelle, sondern auch auf politische und wirtschaftliche Angelegenheiten erstrecken solle. Denn so wie das soziale Problem darin bestehe, daß eine Klasse von der anderen exploitiert werde, so bestehe auch das nationale Problem in der Unterdrückung der schwächeren Nation durch die stärkere. Und so wie nur der Sozialismus die Menschheit von der Klassenexploitation befreien könne, so könne auch die nationale Unterdrückung nur durch den vollen Ausbau der nationalen Autonomie aus der Welt geschafft werden. Als wichtigstes Organ des autonomen Volkes erscheine die von ihm gewählte Nationalversammlung (Sejm, daher die Bezeichnung Sejmisten) die mit Gesetzgebungs- und Besteuerungsrecht ausgestattet sein müsse. Somit verwandle sich jeder Nationalitätenstaat (und nur für einen solchen hat der Gedanke einen Sinn, daher auch die Entstehung und Ausbreitung insbesondere in Österreich und Rußland) in einen Föderativbund der Nationen. Das Parlament des Staates werde aus den Deputierten der nationalen Sejms gebildet. In diese nationalen Sejms verlegten die Sejmisten den Aktionsradius des jüdischen Proletariats. Das Proletariat solle im Sejm das treibende Element werden. Es habe die Bourgeoisie zu einer seinen Interessen und damit den Interessen des Volksganzen entsprechenden Politik zu zwingen. Hierdurch könne einerseits das zur Errichtung einer nationalen Heimstätte notwendige Territorium erobert, anderseits das nationale Leben in der Galuth normal ausgestaltet werden. Denn das Proletariat werde die Bourgeoisie zur Aktivität in dieser Hinsicht drängen. Es werde ihr vorschreiben, welches Land zur Heimstätte gewählt und auf welche Weise es kolonisiert werden solle. Dieses Ziel werde natürlich durch einen einzigen jüdischen Sejm nicht erreicht werden können. Dazu bedürfe es der Zusammenarbeit aller jüdischen Sejms der Welt, die im Wege der Schaffung einer aus den Delegierten der Sejms bestehenden obersten Instanz des jüdischen Volkes vor sich gehen könne. Letzten Endes hänge somit alles von der Entwicklung der nationalen Autonomie in der Galuth ab. Je besser da gearbeitet werde, desto besser seien die Aussichten für die Erreichung einer nationalen Heimstätte. Obwohl also im Grunde genommen auch für die Sejmisten die Galutharbeit bloß ein Mittel zum Ziel, wenngleich das einzig mögliche Mittel