Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 26

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
26 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101203-3108814--6686-3108852
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

26 Arjeh Tartakower: Rechtfertigung ihres Palästinaprogramms anzugeben vermochten, waren im besten Fall die historischen Rechte des jüdischen Volkes auf Palästina. Derartige Gefühlsmomente waren aber vom Standpunkt der materialistischen Geschichtsauffassung unhaltbar und unzulässig. Es bedeutete somit in Wirklichkeit die Schaffung der eigentlichen poale-zionistischen Ideologie, als es gelang, die Kolonisation Palästinas als ein ökonomisch notwendiges Geschehen vom Standpunkt der materialistischen Geschichtsauffassung aus zu erklären. Das große Werk des Aufbaus dieser theoretischen Basis des modernen Poale-Zionismus gelang (im Gegensatz zu den übrigen jüdischen sozialistischen Parteien, die durch die Gedankenarbeit mehrerer Menschen entstanden) einem einzigen Mann, dem größten, den der proletarische Zionismus bisher hervorgebracht hat. Es war dies Ber Borochow (geb. 1881 in Zolotonosch, Poltawer Gouvernement, gest. 1917 in Kiew). Aus einer intelligenten Familie stammend (sein Vater war ein hebräischer Lehrer, der eine aktive Rolle in der Chibat-Zion Bewegung spielte) und selbst hochgebildet, Wissenschaftler (seine Arbeiten auf dem Gebiete der jiddischen Sprachforschung sind bahnbrechend geworden, obwohl er noch zur Zeit, wo er die Partei der Poale-Zion schuf, jiddisch weder schreiben, noch reden konnte) und dabei glänzender politischer Polemiker, von riesiger Arbeitsamkeit und Ausdauer, trat er sehr früh ins öffentliche Leben. Bereits als Gymnasialstudent beteiligte er sich an den politischen Debatten, die in Poltawa, dem Sitz zahlreicher dorthin verbannten politischen Verbrecher, unter denen sich viele bedeutende Männer der Wissenschaft und der Politik befanden, besonders häufig stattfanden. Als Student der Jekaterinoslawer Universität trat er in die allgemeine sozialdemokratische Organisation ein, in der er einige Zeit sehr intensiv arbeitete, verließ sie jedoch dann wieder und wurde Zionist, ohne auch in seiner neuen Anschauung viel innere Zufriedenheit zu finden. Die Bewegung der proletarischen Zionisten war ihm bekannt, es stieß ihn jedoch von ihnen ihre naive Fassung der Nichtproletarisierungstheorie, sowie der klaffende Gegensatz zwischen ihren sozialistischen und zionistischen Anschauungen ab.' Sein leidenschaftlicher Wille, seine nationalen Anschauungen mit den sozialistischen in Einklang zu bringen, spornte ihn zu der großen Gedankenarbeit an, die mit der Schrift: ,,Die Klassenmomente und die nationale Frage"1) begann und später, bereits nach der Gründung der Partei der Poale-Zion, in ,,Unsere Plattform" den vollendetsten Ausdruck fand, eine Arbeit, die, anfangs als Aufsatz gedacht und immer wieder fortgesetzt, sich schließlich zu einem Monumentalwerk auswuchs2), zu einer Art Evangelium des Poale-Zionismus, das, zugleich kritisch und aufbauend, den modernen Poale-Zionismus gerade so schuf, wie das „Kapital" den modernen Sozialismus geschaffen hat. Und nun ging Borochow daran, die Partei zu schaffen, der sein Gedankenx) Russisch, erschienen zum ersten Mal in der Jewrejskaja Shisn Dezember 1905. 2) Zuerst gedruckt, teilweise in russischer und teilweise in jiddischer Sprache, in den Zeitschriften: Jewrejskaja Rabotschaja Chronika", „Molot", ,,Proletarischer Gedank" und „Vorwärts* *.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.