Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 25 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 25 tuierung der Partei auf der Gründungskonferenz in Odessa (Dezember 1904 — Februar 1905) statt. Die Konferenz tagte gleichzeitig mit der allgemeinen zionistischen Konferenz zwecks Organisierung des jüdischen Selbstschutzes. Alle ihre Teilnehmer wurden zwar gleich am nächsten Tag verhaftet (aus den nach dem Zusammenbruch der Zarenherrschaft in Rußland allgemein zugänglich gewordenen Geheimarchiven zeigte sich, daß die Polizei über alle Vorbereitungsarbeiten zur Konferenz und über ihr Datum ganz genau informiert war), es gelang ihnen jedoch nichtsdestoweniger, als sie nach sechs Wochen aus der Haft entlasser wurden, die Konferenz fortzusetzen und die Gründung der Partei der Zionisten-Sozialisten (S. S.) zu proklamieren. Die Partei hatte allerdings bereits damals mit dem eigentlichen Zionismus wenig zu tun. Sie nannte sich zionistisch, bloß um den Zutritt zum zionistischen Kongreß zu erhalten, wo sie ihre Ideen propagieren zu können hoffte, ebenso, wie sie sich nur deswegen sozialistisch und nicht sozialdemokratisch nannte, um den Mitgliedern des „Wosroschdenje" den Eintritt in sie zu ermöglichen. Indessen gelang ihr auf die Dauer weder das eine, noch das andere. Nachdem der VII. Kongreß (Basel, Juli-August 1905) das Ugandaprojekt definitiv verworfen und die Rückkehr zur Palästinapolitik proklamiert hatte, mußten die S. S. ihren Austritt aus der Zionistischen Organisation erklären und gehörten seither zu deren verbissensten Gegnern, obwohl sie sich offiziell der bürgerlichen Partei der Territorialisten nie anschlössen. Und auch die Mitgliedschaft der „Wosroschdenzes" in der neuen Partei war von keiner langen Dauer. Sie verließen sie bereits nach kurzer Zeit infolge des Verbotes der freien Aussprache über die Frage des Sejmismüs, die den Führern der S. S. gefährlich schien, und schritten, wie schon erwähnt, zur Gründung einer eigenen Partei, die von vornherein in gar keinem Verhältnis zur Zionistischen Organisation stand. Im schweren Kampf mit den beiden neugebildeten Parteien, die naturgemäß danach strebten, die bestehenden noch neutralen poale-zionistischen Gruppen für sich zu gewinnen, bildete sich die dritte, die der eigentlichen Poale-Zion. Dasjenige, was sie von den beiden Parteien scheiden sollte, war von vornherein gegeben: es sollte eine Partei werden, die, festhaltend an allen bisherigen Errungenschaften der proletarischen zionistischen Ideologie (Theorie der anormalen Proletarisierung, revolutionärer Kampf, Galuthpolitik) doch bei dem Palästinaprogramm, also demjenigen, was ursprünglich den Kern des Programms des proletarischen Zionismus gebildet hatte, verbleiben sollte. Solcher Gruppen der Poale-Zion, die am Palästinaprogramm festhielten, gab es allerdings sogar nach der Ausbildung der beiden Parteien der Sejmisten und der S. S. noch viele. Es gehörten hierzu insbesondere fast alle polnischen und sehr viele südrussischen Gruppen. Das Schlimme war bloß, daß sie zwischen ihrem Sozialismus und dem Palästinastreben keine reale Verbindung zu schaffen vermochten. In dem Moment aber, wo die Zweiflächentheorie, als für das sozialistische Bewußtsein nicht genügend, verworfen wurde, mußte unbedingt nach einer derartigen Verbindung gesucht werden. Was die proletarischen Zionisten bisher zur