Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 23 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 23 blatt im Kongreßsaal verteilt mit der Aufschrift „Nicht ruhig und nicht gesetzlich", wo die Tatsache der Audienz Herzls bei Plehwe einer scharfen Kritik unterzogen und mitgeteilt wurde, daß sich die Poale-Zion dem Wunsch Plehwes nicht fügen würden. Dieser erste Konflikt zwischen der zionistischen Parteileitung und der proletarischen Fraktion im Zionismus sollte von weittragender Bedeutung werden. Zum erstenmal tauchten damals Zweifel auf, ob eine Zusammenarbeit zwischen dem sozialistischen und dem bürgerlichen Zionismus möglich sei, und sie sollten seither nicht wieder verschwinden. Somit war die Aufnahme des politischen Kampfes in das Aktionsprogramm ein Moment, das fast allen poale-zionistischen Gruppen (bis auf die Minsker Richtung) gemeinsam war. Anders lag die Frage der Galutharbeit. In dieser Hinsicht war der proletarische Zionismus dem allgemeinen weit vorausgeeilt. Während sich der allgemeine Zionismus in Rußland erst im Lauf der Revolutions jähre (1905—6) seiner Galuthaufgaben bewußt wurde und sie schließlich auf der Helsingforser Konferenz (1906) genauer formulierte, war für die proletarischen Zionisten bereits im Jahre 1903 die Notwendigkeit der Galutharbeit offenkundig. Nur über die Rangordnung und den letzten Wert einer derartigen Tätigkeit gingen die Meinungen auseinander. Und gerade dies führte auch schließlich eine definitive Spaltung im Lager des proletarischen Zionismus herbei, als der eine Teil in der Bejahung der Galutharbeit so weit ging, daß er darüber die unmittelbare Arbeit zur Erlangung der nationalen Heimstätte gänzlich vernachlässigen zu können glaubte. Eine weitere Spaltung führte dann die Ugandafrage herbei. Bleiben wir zunächst bei der ersten. Die Ansätze der Partei, die durch die extreme Bejahung der Galutharbeit charakterisiert ist, gehen bis auf den Anfang d. J. 1903 zurück. Im Frühling dieses Jahres rief eine Gruppe südrussischer Intelligenzler, die kurz vorher in die poale-zionistischen Gruppen eingetreten war, eine Vorkonferenz nach Kowno ein, der dann die eigentliche Konferenz in Kiew (September desselben Jahres) folgte. Diese Konferenz brachte viel Neues in das Geistesleben des proletarischen Zionismus. Sie zeichnete sich durch drei Momente aus: Erstens durch die besonders scharfe Betonung des nationalen Charakters der Judenfrage und der idealistischen Grundlagen der nationalen Bewegung —eine Erscheinung, die durch den starken Einfluß der russischen Sozialrevolutionäre auf die Organisatoren der Konferenz hervorgerufen wurde. Zweitens durch die bereits klar ausgesprochene Behauptung, daß der Kampf um nationale Befreiung mit der Eroberung eines Territoriums nicht beginne, sondern damit ende, so daß zuerst der Kampf des jüdischen Volkes um seine nationalen Rechte in der Galuth ausgefochten werden müsse. Hierdurch war die wichtigste theoretische Grundlage für die neue Partei gegeben, die sie von allem Anfang an in scharfen Gegensatz zu den übrigen zionistischen, und zwar sowohl den sozialistischen als auch den nichtsozialistischen Gruppen stellte. Und in dieser Richtung bewegte sich auch das dritte die Konferenz charakterisierende Moment: der Zweifel an die Richtigkeit der