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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
22 (sequence 7)
Language
German
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22 Arjeh Tartakower: stischen Organisation. Das Ausscheiden der Arbeiter, das von den zionistischen Führern anfangs als unnötiger Separatismus in der allgemeinen nationalen Arbeit bekämpft, später indes als ein Mittel, jüdische Arbeiter dem „Bund" abspenstig zu machen und sie für den Zionismus zu gewinnen, gutgeheißen wurde (Fälle der Mitarbeit von angesehenen zionistischen Persönlichkeiten am Ausbau poale-zionistischer Gruppen waren in der ersten Zeit an der Tagesordnung), wurde hierdurch eine vollzogene Tatsache. Im Gegensatz zu der Tätigkeit der bürgerlichen Zionisten wurde .nunmehr die der Poale-Zion in Rußland eine illegale, gleich der der anderen sozialistischen Parteien. Die politische Tätigkeit der Poale-Zion führte auch den ersten offenen Konflikt zwischen ihnen und der offiziellen zionistischen Parteileitung herbei. Mit großer Empörung erfuhren die proletarischen Zionisten, daß sich Herzl in seiner unermüdlichen diplomatischen Tätigkeit auch mit Rußlands Diktator, dem Minister des Innern Plehwe, dem man die Organisierung der Judenpogrome zuschrieb, in Verhandlungen eingelassen habe, um dessen Mithilfe bei Erlangung des ,,Charter" zu erreichen. Der genaue Inhalt dieser Verhandlungen, die ein äußerst interessantes Blatt sowohl in der Geschichte des Zionismus, als auch in der des jüdischen Sozialismus sind, ist erst viele Jahre später bekannt geworden }). Plehwe versprach Herzl die Erwirkung des Charters innerhalb fünfzehn Jahren, wenn die jüdischen Sozialisten in Rußland während dieser Zeit den Kampf gegen die Regierung aufgeben würden. Wir wissen nicht, ob Plehwe den Gedanken ernst nahm oder nur darauf spekulierte, daß er dadurch Uneinigkeit in die Reihen der jüdischen Sozialisten tragen werde. Jedenfalls war Herzl, der die Verhältnisse im Osten wenig kannte, davon überzeugt, daß ihm die Durchführung dieses Planes gelingen werde. Er suchte nun einerseits mit dem „Bund" in Fühlung zu kommen, um ihn für den Gedanken zu gewinnen, anderseits wollte er die Poale-Zion auf die Notwendigkeit aufmerksam machen, den politischen Kampf in Rußland einzustellen. Das erste gab er indes auf, als ihm von dem jüdischen Sozialrevolutionär Dr. Schitlowski (dem1 späteren Anhänger des Sejmismus), der zum Mittelsmann in den zu führenden Verhandlungen ausersehen war, bedeutet wurde, daß die Bundisten seinen Vorschlag nicht nur nicht annehmen würden, weil sie gar kein Interesse für die Erwerbung Palästinas hätten, sondern daraus auch Kapital in ihrem Kampf gegen den Zionismus schlagen würden. Doch versuchte Herzl die Beeinflussung der Poale-Zion. In seiner Eröffnungsrede auf dem 6. Kongreß (Basel 1903) teilte er die Tatsache seiner Audienz bei Plehwe mit und machte dabei darauf aufmerksam, daß ihm jener die Unterstützung der zionistischen Bewegung versprochen habe, falls sich die Zionisten in Rußland ruhig und gesetzlich verhalten würden. Diese Mitteilung rief unter den poale-zionistischen Delegierten, an deren Spitze Dr. Syrkin stand, die größte Entrüstung hervor. Am nächsten Tag wurde von ihnen ein Flug- J) Er wurde mitgeteilt durch Dr. Ch. Schitlowski in seinem im Jahre 1915 erschienenen Aufsatz: „Einige Stunden mit Dr. Herzl". Vgl. jetzt auch Herzls „Tagebücher".

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