Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 21 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101203-3108814--6681-3108847- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 21 Zion erfolgte die Entwicklung der übrigen poale-zionistischen Gruppen. Trotz der vielen Konferenzen verschiedenster Richtungen, die die Ausbildung der Parteiprogramme vorbereiten sollten und auf die wir in der Folge noch zurückkommen, blieb doch die Entwicklung in mancher Beziehung einheitlich. Allen Gruppen gemeinsam war zunächst der Entschluß zum Eintritt in das politische Leben und zur Teilnahme am revolutionären Kampf in Rußland. War eine derartige Entwicklung bereits einigermaßen durch das Wesen des proletarischen Zionismus als einer sozialistischen Fraktion gegeben, so. daß man die Einstellung der Minsker Richtung geradezu als anormal bezeichnen kann, so wurde sie durch den Gang des politischen Lebens Rußlands noch stärker gefördert. Die Pogromwelle, die bereits 1903 anzusteigen begann und mit dem Pogrom in Kischinew (Frühling 1903) ihren ersten Höhepunkt erreichte, brachte als eine fast unmittelbare Wirkung das Einlenken fast aller poale-zionistischen Gruppen in das revolutionäre Lager mit sich. Der Anteil der russischen Behörden an der Organisierung der Pogrome war ein offenes Geheimnis, und so wurde denn der Kampf gegen die Zarenherrschaft zu einer heiligen Sache. Unter dem Einfluß des Kischinewer Pogroms erfolgte auch das (allerdings ganz spontane) erste politische Attentat eines Poale-Zionisten: der Überfall des jungen Pinchas Daschewski auf den berüchtigten Pogromhetzer Pawolaki Kruschewan, ein Mitglied der ,,Schwarzen Hundert". Diese Tat, für die Daschewski zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde, sollte von großer Bedeutung für die Zukunft werden, da sie zum erstenmal die Poale-Zion dazu zwang, über ihr politisches Programm ernstlich nachzudenken. Es war übrigens anfangs ganz unklar, in welchem Verhältnis diese politische Tätigkeit zu dem eigentlichen Palästinaprogramm der Poale-Zion stehe. Der erste natürliche Eindruck war der, daß es sich hier um voneinander ganz getrennte Dinge handle, die in keinem irgendwie gearteten Zusammenhang miteinander stehen. Unter dem Einfluß dieses Eindrucks bildete der poale-zionistische Theoretiker Dr. Nachman S y r k i n (der als Vater des zionistischen Sozialismus bezeichnet wird) die Theorie von den „zwei Flächen" der Tätigkeit der proletarischen Zionisten aus, einer allgemein sozialistischen, die im Interesse der Verwirklichung des Sozialismus erfolge und mit nationalen Strebungen wenig oder nichts zu tun habe, und einer nationalen, auf die Erwerbung eines Territoriums gerichteten. Doch war diese Theorie, die die sozialistische und die zionistische Tätigkeit gänzlich voneinander trennte, wenig geeignet, die Gemüter zu beruhigen, und wurde in der Folge ganz aufgegeben. Man versuchte mit mehr oder weniger Glück, einen unmittelbaren Zusammenhang und unmittelbare gegenseitige Rückwirkung der sozialistischen und der auf die Erwerbung eines Territoriums oder auf den Ausbau der nationalen Autonomie gerichteten Strebungen zu konstruieren. Wir werden diese verschiedenen Formulierungen der Einflächentheorie noch kennen lernen. Die Übernahme des Programms der politischen Tätigkeit bedeutete naturgemäß eine noch weiter gehende Loslösung von der allgemeinen Zioni-