Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 19 (sequence 4)
- Language
- German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 19 eine andere, die sogenannte „Theorie der anormalen Proletarisierung". Der Jude proletarisiere sich zwar, aber er proletarisiere sich anormal. Der Zugang zu den Fabriken sei für ihn sehr schwer, folglich dringe er in die anderen Formen des Großbetriebs ein: in die Heimarbeit, in das Verlagssystem, in diejenigen Formen, wo das variable Kapital das konstante überwiege. Aber eine derartige Proletarisierüng sei anormal, denn diese Arten des Großbetriebs seien die rückständigsten und drohten immer wieder in den Kleinbetrieb zurückzufallen — der Schulfall dafür sei, daß sich der Heimarbeiter selbständig mache. Auch sie seien also zum Untergang verurteilt. Ferner sei gerade in derartigen Betrieben die Ausbeutung des Arbeiters am schlimmsten. Anderseits aber werde der jüdische Arbeiter in die sozial minderwertigsten Produktionszweige hineingestoßen, in die Endstufen der Produktion, deren Widerstandskraft gering und deren volkswirtschaftliche Bedeutung zweifelhaft sei. Damit also das jüdische Proletariat die beiden Übel überwinden und sich normal entwickeln könne, müsse es eine eigene territoriale Basis haben. Diese „Nichtproletarisierungstheorie" oder die „Theorie der anormalen Proletarisierung" war so ziemlich das einzige, was allen zionistischen Arbeitern in den ersten Jahren gemeinsam war. Darüber hinaus ergaben sich aber bedeutende Unterschiede der Anschauungen, die durch die weitere Entwicklung noch vermehrt wurden. In dem Augenblick, wo der sozialistische Charakter der Arbeiterfraktion im Zionismus klar wurde, mußten naturgemäß zwei Fragen entstehen: Erstens, ob sich die Fraktion auf Palästinaarbeit beschränken oder auch in der Galuth arbeiten solle, um die Lage des jüdischen Arbeiters in jeder Hinsicht zu verbessern. Zweitens aber, ob die Partei als eine sozialistische auch politisch arbeiten solle (und politische Arbeit bedeutete in Rußland Kampf gegen die Regierung) oder nicht. Im Zusammenhang damit entstand die Frage, in welchem Verhältnis die eventuelle (politische oder Ökonomische) Arbeit in der Galuth zur Palästinaarbeit stehe, ob es einen unmittelbaren Kontakt zwischen den beiden gebe, so daß die eine die andere dauernd beeinflusse (sogenannte Einflächentheorie) oder ob es zwei verschiedene Dinge seien, die sozusagen auf zwei verschiedenen Flächen liegen und bloß zufällig durch die Identität der Handelnden verbunden seien (Zweiflächentheorie). Als dann die Entwicklung der zionistischen Bewegung den Ugandakonflikt mit sich brachte, wurde die ihm zugrunde liegende Frage, wenn auch von einem etwas anderen Standpunkt aus, auch im Lager des proletarischen Zionismus aufgeworfen. Und selbst bei den Palästinaanhängern herrschte große Unklarheit darüber, ob man Palästina deswegen vorziehe, weil es das historische Vaterland sei (sogenannter prinzipieller' Palästinismus), oder deswegen, weil es sich am besten für die jüdische Kolonisation eigne und daher die jüdischen Massen anziehen werde (prognostischer Palästinismus). Diese kurze Kennzeichnung der vielen Fragen und Probleme dürfte ein genügendes Licht auf das Chaos werfen, das im Lager des proletarischen Zionismus kürz nach seiner Entstehung herrschte. Es war von allem Anfang