Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 18 (sequence 3)
- Language
- German
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18 Arjeh Tartakower: noch vorher zu bilden anfing und daß die Loslösung von der allgemeinen zionistischen Organisation bloß die letzte Konsequenz war, die die Anhänger der neuen Lehre ziehen zu müssen glaubten. Was den proletarischen Zionismus also in den allerersten Jahren seines {Bestehens sowohl gegen die übrigen jüdischen Sozialisten, die damals im 1 „Bund" ihre einzige Organisation besäßen, als auch von den übrigen Zi onisten trennte, war einerseits die Erkenntnis der exterritorialen Lage des jüdischen Volkes als Hauptgrund all seiner Übel und folglich das Streben nach einer territorialen Konzentration, anderseits aber die Betonung des überwiegenden Interesses des jüdischen Proletariats an der teritorialen Lösung der Judenfrage. Auf diesem Hintergrund entstand die berühmte „Nichtproletarisierungstheorie", die, wenngleich sie im Lauf der Zeit nach mancher Richtung hin modifiziert werden sollte, bis zum heutigen Tage die Basis der proletarischen zionistischen Anschauungen bildet. Eigentümlicherweise ist die Theorie zuerst in der bundistischen Literatur aufgetaucht. Sie wurde zuerst im Zentralorgan des „Bund", der „Arbeiterstimme" (Nr. 33) formuliert, obwohl die Bundisten in der Folge den Gedanken sehr heftig bekämpften. Die Theorie wurde dann durch den Ökonomisten Ch. D. Hurwitsch wiederum aufgestellt, doch war es den Begründern und Führern des späteren proletarischen Zionismus vorbehalten, sie statistisch zu begründen und wissenschaftlich zu vertiefen. Ganz allgemein ausgedrückt lautet die Theorie folgendermaßen: Der Gang der kapitalistischen Entwicklung bringe es mit sich, daß sich ein immer größerer Teil der Menschheit in Proletarier verwandle. Der Kleinbetrieb werde vom Großbetrieb zermalmt und seine Eigentümer werden zu Arbeitern und Angestellten im Großbetrieb. Diese Entwicklung sei eine naturnotwendige und führe in letzter Konsequenz die Verwirklichung des Sozialismus herbei. Beim jüdischen Volk könne sie sich aber nicht vollziehen. Zwar werde auch der jüdische Kleinbetrieb von der kapitalistischen Entwicklung vernichtet, aber für seine bisherigen Inhaber sei der Übergang in die Klasse der Proletarier infolge der Konkurrenz des nicht jüdischen Arbeiters verschlossen. Die Gründe dieser Erscheinung sind uns aus dem vorherigen Kapitel bekannt: Die geringere Eignung des jüdischen Arbeiters für Fabrikarbeit, seine Scheu vor Kombinierung von nationalem und Klassengegensatz — und der Antisemitismus. Es könne vielleicht auch noch auf das stärker entwickelte Klassenbewußtsein des jüdischen Arbeiters verwiesen werden, das ihn von vornherein in den Augen eines jeden Unternehmers mißliebig mache. So werde denn der Jude entweder Lumpenproletarier, oder er müsse in ein anderes Land auswandern, wo früher oder später dasselbe Spiel anfange. Hier sei nur eine Lösung möglich: der Jude müsse ein Land finden, wo er sich frei proletarisieren könne, wo ihm die Konkurrenz der nicht jüdischen Bevölkerung nicht den Zutritt zum Großbetrieb unmöglich mache. Die territoriale Lösung der Judenfrage sei somit auch die einzige Lösung der Frage des jüdischen Proletariats. An Stelle dieser ziemlich naiven Fassung trat sodann im Lauf der Zeit