Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Das Judentum im deutschen Denken
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 14 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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14 L e o Strauß : Gott und göttlichen Dingen zu haben, es ist geradezu ein sittliches Manko; 3. die Toleranz — aber sie ist ein Zeichen mangelnden Ernstes; jede Religion ist ausschließend. Nach dieser Bewertung des Judentums läßt sich die von Lagarde vertretene Judenpolitik erraten. Um sie ganz zu verstehen, bedürfen wir eines Blickes auf seine allgemeine Einstellung zu politischen Dingen. Das Leben ist nur in Individuen real, und nur nach seiner Macht in den Individuen und auf die Individuen bemißt sich sein Wert. Das Individuum — das ist für Lagarde die unmittelbar von Gott geschaffene Einzelseele. Die Seelen existieren freilich nicht isoliert, sie stehen in nationalem Zusammenhang. Die Nation ist ein Charakter, kein Ideal der Seelen, welcher Charakter das Ideal der Seelen, Gott, gewissermaßen färbt. In einer viel oberflächlicheren Schicht ist der Staat zu Hause. Das was die Allheit der Monaden einer bestimmten Nation nicht monadisch leisten kann, delegiert sie dem Staate. Da aber alles, was mit dem innersten Leben zusammenhängt, sich jede Monade selber erarbeiten muß, so folgt daraus, daß der Staat nur technische Aufgaben übernehmen kann. Ist der innerste Wert der Nation unabhängig vom Staate, so ist der Staat dagegen notwendig national. Der Staat ist nur ein Mittel nationaler Existenz, aber notwendig ein Mittel nationalen Gepräges. Das Kleid muß dem Leib der Nation passen. Ferner ist er formal souverän, er muß herrschen, um dienen zu können. Die tieferen Angelegenheiten der Nation unterstehen ihm nur nach ihrer technischen Seite, „hinsichtlich ihrer Äußerungen" — er duldet aber in der Sphäre, die ihm zusteht, keine Gewalt neben sich. Es gibt kein „Recht", mit dem der Einzelne gegen eine Auflehnung die in den Aufgabenbereich des Staates fallen und dem Einzelnen widrig sind, Maßnahmen rechtfertigen könnte. Es gibt kein anderes Kriterium für den Wert eines Staates als seine Brauchbarkeit für die Befriedigung der Bedürfnisse der Nation, Eine wesentliche nationale Notwendigkeit ist die Sicherheit der Nation anderen Nationen gegenüber. Der Staat schafft sie unter Umständen durch den Krieg. Der Krieg steht — als die Form der höchsten Wirklichkeit des Staates — nicht im Dienste von Ideen: die Kriege brauchen nicht als Missionskriege drapiert zu werden. Man sieht: hier fehlen alle ideologischen Voraussetzungen der Judenemanzipation. Da der Staat eine Funktion dei Nation ist, indem die Nation in gewissen Grenzen Gewalt über die Einzelnen an den Staat überträgt, kann von den Menschenrechten als Rechten der Einzelnen nicht gut die Rede sein. Und die Gleichheit der Nationen? Lagarde leugnet sie entschieden. Ein chauvinistischer Jude könnte sich nicht entschiedener die Gleichstellung von Jugoslawen oder Magyaren und Juden verbitten, als Lagarde dies bezüglich Jugoslawen oder Magyaren und Deutschen tut. Der Staat ist nationaler Staat, d. h. 1. in seinem Gebiet geht das Bedürfnis des Staatsvolks allem anderen vor, der Staat hat gegebenenfalls die Macht und die Pflicht, die Fremden vor die Wahl zwischen völliger Assimilierung