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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 12

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Das Judentum im deutschen Denken
Date
1923-01-01
Page
12 (sequence 5)
Language
German
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12 Leo Strauß: der Humanität macht den Wert des Judentums aus, sondern: „daß die Juden unter allen Umständen Gottes Gebote tun wollten, das ist ihre Stärke gewesen"; nicht die angeblich so hohe Sozialethik, sondern „die Poesie des jüdischen Kultus". Die Propheten legen an das Leben des Volkes den Maßstab der ihm von Gott gestellten Aufgabe. Sie geraten daher in Konflikt mit den nationalliberalen Patrioten und Staatsmännern, die die Eitelkeit zur Weltpolitik treibt, anstatt sich um den Schaden Josephs zu gräme i. Der nationale Hochmut Israel-Judas führt den Verlust des Staates herbei: das Volk hatte seinen Gott verworfen und Götzen gewählt. Es scheidet von nun an aus der geschichtlichen Entwicklung aus. Der Lebenswille des Volkes erhält es über den politischen Untergang hinaus. Aus den heterogenen Resten der Vorzeit zimmert Esra den Bau des nachexilischen Judentums. Die trübe Masse, aus der er sein theokratisches System braut, erhält durch den Abschluß nach außen ihre Form, durch die Abwehr des Angriffs des Antiochus Epiphanes erlangt sie Festigkeit. Aber das Volk erkauft sein Weiterleben nur um den Preis des Verzichts auf große Werte. Was es selber nicht mehr leisten kann, müssen ihm die tief verachteten Heiden leisten: das Gesetz ermöglicht das Leben nur infolge „der stets bereiten heidnischen Ergänzung". Lagarde urteilt nicht anders als seine Zeitgenossen Nietzsche, Mommsen, Wellhausen. „. . . . keine der schweren und ernsten Verpflichtungen des auf sich selbst gestellten Gemeinwesens behinderte die Priester des Tempels in Jerusalem in der Herstellung des Reiches JHWHs auf Erden" (Mommsen). Seitdem ist das Judentum wesentlich pharisäisch und „der Spott und der Abscheu aller, die mit ihm in Berührung kamen". Unter einem derartigen Haß hatte das alte Israel nie zu leiden gehabt. Und warum nicht? Weil es naiv war. Die „fanatische Abneigung" gegen das Judentum gilt dessen Künstlichkeit, der Homunkulität seines Daseins. Als empörend mußten es die Völker der Welt empfinden, wenn „das unverschämte Volk", dem der fremde Staat alle wirklichen Aufgaben abnahm, „trotzdem tat, als ob sie ihn nicht nötig hätten" (Nietzsche). Die Charakteristika des Judentums sind seine Entwirklichtheit — man halte mir diese beinahe unmögliche Bildung zugute — und sein „Materialismus". Unter dem jüdischen Materialismus versteht Lagarde die Voranstellung des Gesetzes vor den Geist, des fertigen Stoffes vor den Prozeß, der Gebildetheit vor die Bildung. In der entwirklicht-mate*rialistischen Gemeinschaft erhebt sich in-geradem Gegensatz zu ihr auf der Linie der Propheten: Jesus; er stellt der Auserwähltheit Israels die Gotteskindschaft aller Menschen, dem Synagogenstaat das Reich Gottes, der Abstammung von Abraham die Neugeburt im Geiste gegenüber. Zwischen Judentum und Christentum gibt es keine Versöhnung, das Judentum ist das antichristliche Prinzip schlechthin. Wieso war es den Juden möglich, in Deutschland emanzipiert zu werden? Die Juden haben diese Aufnahme dem Umstand zu verdanken, daß jüdischer Geist Deutschlands Herr geworden ist. Denn der Liberalismus ist nichts

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