Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Das Judentum im deutschen Denken
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 11 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Paul de Lagarde Ii als historische Disziplin wird ein Desiderat der Religion. Der protestantische Charakter der Argumentation ist unverkennbar, gerade indem sie sich hauptsächlich gegen den Protestantismus wendet. Denn was hat Luther getan? Ürsprünglich kam es ihm auf nichts anderes an, als auf Abstellung gewisser Mißbräuche der katholischen Kirche, im Rahmen und im Dienste dieser Kirche. Die lediglich ad hoc aufgestellten Formeln wurden bald in geradezu absurder Weise verallgemeinert, und, als es zum Bruche mit Rom kam, wurde der kaum angetastete Bau des katholischen Dogmas notdürftig mit den reformatorischen loci verkleistert. Die protestantische Kirche war daher von Anfang an nicht lebensfähig. Das protestantische Deutschland verdankt sein religiöses Leben nicht dem Dasein der protestantischen Kirche, sondern dem Wegfall gewisser Hemmungen der katholischen Kirche. Denn der Rückgang auf das Evangelium, zu dem Luther sich gezwungen sah, blieb eine Halbheit, da das Evangelium dem Neuen Testamente gleichgesetzt wurde. Das Neue Testament war selber ein Produkt der Kirche; also war es selber durch alle jene Mißstände und Verfehlungen des eigentlichen Sinnes des Evangeliums, die bereits die Frühzeit der Kirche charakterisieren, mitbestimmt; also muß es selber kritisch analysiert werden. Dabei stößt man auf eine ganze Reihe solcher grundsätzlicher Verfehlungen. Zunächst die dogmatische Verhärtung der „Poesie" des Evangeliums: — die Verhärtung der Gotteskindschaft aller Menschen zum Dogma vom eingeborenen Sohne — die Verhärtung der Übermacht des Geistes über den Tod zum Dogma von der Auferstehung des Herrn. Am folgenreichsten war der Paulinismus: In der Person des Paulus ist das Judentum, dessen prinzipieller und ausgesprochener Gegensatz das Evangelium ist — denn das Judentum ist wesentlich Pharisäismus —, des Evangeliums Herr geworden. Jüdisch ist es, „einmal Geschehenes statt des immer von neuem Geschehenden — Vergangenes statt des Gegenwärtigen als Objekt religiöser Gefühle anzusehen". Was für das Judentum die Erfüllung des einmal, für alle Zeiten unabänderlich gegebenen Gesetzes vom Sinai ist, das ist für das paulinische Christentum der Glaube an den einmal geschehenen Kreuzestod und an die einmal geschehene Auferstehung Jesu Christi. Beide Male ist die Religion das Verhalten zu etwas Fertigem, Starrem, Objektivem, das ist das genaue Gegenteil evangelischer Frömmigkeit, germanischer Innerlichkeit. Damit dürfte hinreichend geklärt sein, aus welchen Motiven und in welcher Blickrichtung Lagarde sich mit dem Judentum auch dann zu befassen gehabt hätte, wenn es keine „Judenfrage" in Detitschland gäbe. Nicht der Monotheismus ist das Wesentliche im Alten Testamente, sondern „die großen Erwerbungen des frommen Gemüts, welche in den Worten heilig, gerecht, demütig und ähnlichen ihren Ausdruck gefunden haben". Nicht die Verehrung des „Ewigen, dieses Götzen aus papier mache, der als Zimmerdekoration dient", nicht die angebliche Vertretung der Prinzipien