Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Das Judentum im deutschen Denken
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 10 (sequence 3)
- Language
- German
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IO Leo Strauß: sekundäre Einbeziehung der Natur in den menschlichen Zusammenhang, der allein religiöse Relevanz hat: Niemand kommt zum Vater denn durch den Sohn. Die tiefliegende Verbindung dieser Askese mit der stärksten Betonung und Bejahung des geist-leiblichen Charakters alles Menschlichen dürfte für die dem Kulturprotestantismus vorausliegende Epoche des Protestantismus bezeichnend sein. Religion ist für Lagarde der mit der demütigen und ernsten Bemühung, besser zu werden, verbundene Glaube an die dem menschlichen Leben von sich aus innewohnende Tendenz zum Besseren. Diese Tendenz geht nicht in dem ,,Moralischen*' auf: sie ist der Herrschaftswille des innersten Lebens, des individuellen Sinnzentrums, des Geistes*über die Gegebenheiten des „Fleisches". Diese Lehre findet sich, zusammenhängend, zum ersten Male im Evangelium. Die „Darlegung der Gesetze des geistigen Lebens" ist der Inhalt der Predigt Jesu. Sie enthält nichts, das an sich nicht auch mittels Induktion aus dem Leben entnommen werden könnte. Die Dogmatik hat die Aufgabe, die „durch religiöse Genialität" von dem Stifter des Christentums gefundenen Gesetze systematisch darzustellen. Der Lehre Jesu gegenüber ist die Kirche etwas wesentlich Neues, sie ist wesentlich mehr. Die Person Jesu ist die vollkommenste Erfüllung der Forderungen seiner Lehre. Die geschichtliche Wirkung, Leben und Tod Jesu, das Leben der Apostel, Märtyrer und Heiligen geht als reales Moment in die Kirche ein. So hat neben der Dogmatik die Historie, neben der Vernunftreligion die Offenbarungsreligion Platz. In der Sprache des 18. Jahrhunderts: Nicht indem zu den Vernunftwahrheiten Offenbarungswahrheiten hinzutreten, sondern indem die Vernunftwahrheiten zu ihrem vollen Sinn erst in der tatsächlichen Religion gelangen. Die Vernunftwahrheiten bedürfen einer Ergänzung, aber nicht einer solchen durch andere Wahrheiten anderen Wertes, sondern durch den Zusammenhang, dessen Abbreviatur und Reflex sie sind. Die Historie, die das christliche Leben zum Gegenstand hat, muß kritisch sein. Wäre nämlich das christliche. Leben die unmittelbare und geradlinige Fortsetzung und Entfaltung der Lehre und des Lebens Jesu, wäre also das Evangelium Bedeutungszentrum der ganzen kirchlichen Entwicklung,, dergestalt, daß aller von der Kirche rezipierte geistige Besitz unmittelbar mit der Rezeption sozusagen seinen evangelischen Ort erhalten hätte, so bliebe dabei die Frage nebensächlich, ob dieser geistige Besitz etwa vorher einem heterogenen Zusammenhang angehört, ob er etwa durch seine Evangelisierung seinen ursprünglichen Sinn verloren oder nicht verloren habe. Diese Frage hätte allenfalls antiquarisches, bestimmt kein religiöses Interesse. Da nun aber ablenkende, störende Einflüsse die Entfaltung der evangelischen Wahrheit im christlichen Leben hemmten, so ist es nötig, wenn man die reine Lehre des Evangeliums erkennen will, eben diese Einflüsse analytisch von dem Ursprünglichen zu trennen: man bedarf der kritischen Historie. Die Theologie