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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Das Judentum im deutschen Denken
Date
1923-01-01
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Leo Strauß: Paul de Lagarde 9 keit ist, sich unter Umständen mit fremden Augen sehen zu können, so bedeutet die Beschäftigung des Zionisten mit der Art und Weise, wie sich jüdisches Wesen im Geiste der Völker spiegelt, einen Akt nationaler Gerechtigkeit, der seinen Lohn nicht nur in sich selber tragen dürfte. Unter diesem Gesichtspunkt soll Lagardes Stellung zu den Angelegenheiten der jüdischen Nation betrachtet werden. Der geistige Zusammenhang, in dem Lagarde bewußt steht, ist der des Kampfes der Großdeutschen gegen Preußen, der historischen Schule gegen die Hegelianer. Aber Lagarde ist weit davon entfernt, Romantiker zu sein. Um jene schal gewordenen Ausdrücke: „Rationalismus", „Mechanismus", die nunmehr nichts Verständliches mehr besagen, zu vermeiden, wollen wir von der entscheidenden Charakterisierung des 19. Jahrhunderts als eines redlich-düsteren ausgehen. Dieser Charakter wird in dem Kampf gegen das sogenannte Epigonentum offenbar, der die Jahrhundert-Mitte erfüllt. Dabei streiten zwei Heerlager vereint, die unter sich durch einen großen seelischen Abstand getrennt sind. Die einen sind düster und redlich von Natur, aus einer mächtigen Tradition heraus, die anderen aus Resignation gegenüber der bourgeois-proletarisch-kosakischen Zukunft Europas, in dem sie sich nach dem „Großen Leben" sehnen. Nur erscheinen die ersteren, die ihrem Wesen nach „Aufklärer" sind, in einem vorgeschritteneren Stadium der Entromantisierung, darum weil ihr Werk romantisches Erbe bewahrt, als die „Romantiker". Zur zweiten Gruppe gehört Lagarde. Die Ideen „Leben", „Entwicklung", „Individualität", „Gestaltung", „Volkheit" erscheinen bei ihm in moralistischer Färbung. Das Leben hat seinen Ursprung, seinen Schwerpunkt in der Lebens aufgäbe. Dieses Leben, diese Entfaltung individueller Lebenskräfte ist P f 1 i c h t, ganz und gar nicht im Sinne einer Pflicht zum „Großen Leben", sondern in dem einer durch „harte Arbeit", durch Demut und Hingabe &n die Sache bezeichneten Pflicht: das Leben des Gelehrten, des Offiziers, des Bauern. Es ist ein hohenzollernscher, kein mediceisch-bourbonisch-habsburgischer Lebensbegriff. „Auf Heroenkultus sind wir (die Deutschen) nicht eingerichtet." Bei aller Hinneigung zum germanisch-christlichen Mittelalter ist Lagarde modern. Er stellt die. A r b e i t als die evangelische Haltung der Möncherei des Katholizismus gegenüber: das ist wichtiger als alle romantisierende Sympathie mit Zölibat und Messe, Marien- und Heiligenkult. Die moderne Wissenschaft hat die Fundamente der mittelalterlichen Welt, zu denen etwa der Ptolemäismus gehört, zerstört, und sie hat recht daran getan: denn diese Fundamente hielten wissenschaftlicher Prüfung nicht stand. Es ist eine Forderung der Wahrhaftigkeit, die orthodoxe Lehre vom Zustandekommen der biblischen Bücher preiszugeben. Kurz: Redlichkeit, Arbeitswille, Bedürfnislosigkeit sind die Tugenden, die Lagarde am höchsten und am häufigsten rühmt. Der Hintergrund dieses Lebensideals ist eine asketische, spirituelle Religion. „Religion" hat niemals Beziehung auf die Natur; sie entsteht und verläuft innerhalb der menschlichen Gemeinde." Die Naturreligion ist die

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