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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 7

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Politische Gegenwartsprobleme des deutschen Judentums
Date
1923-01-01
Page
7 (sequence 7)
Language
German
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Politische Gegenwartsprobleme des deutschen Judentums 7 zösische unter englischer Tyrannei, Spanien unter maurischem Joch, Rußland in der Knechtung durch die „goldene* * Mongolenhorde. Es wäre leicht zu erweisen — nur würde es zu weit führen — daß die heutige unverhüllte Fremdherrschaft scheußlichster Art für Deutschland ein ganz analoges und — bis auf die napoleonische Episode (mit der das deutsche Nationalempfinden erwacht) — erstmaliges Erlebnis ist. Wir Juden müssen wissen, was der große Sinn der geschichtlichen Katastrophe ist, in die wir hineingerissen wurden. Wir wüssen auch wissen, daß an diesem Geschehen jeder innerlich Anteil nehmen muß, der auf deutscher Erde wandelt. Am unzugänglichsten ist uns dies Problem noch durch eine Betrachtung der gesellschaftlichen Zustände Neudeutschlands. Recht als Symbol seiner späten, äußerlichen Einigung hat es eine Millionenhauptstadt, die sich nur in materieller Hinsicht mit London oder gar Paris vergleichen läßt: eine Stätte tüchtiger Arbeit und derben Genießens, aber nicht die Krone deutscher Geistigkeit; im Xande fast verhaßt und beinahe verachtet; der Berliner Jude trägt sein volles Teil an solcher Antipathie. Dabei muß jeder Unbefangene zugestehen, daß alles Geistige, das etwa für Berlin spricht, nicht ohne jüdische Mitwirkung zustande gekommen wäre: die Literatur, das Theater seit Lessing und Mendelssohn, besonders aber seit Hauptmann und Brahm oder Reinhardt, die Kunst mit Liebermann, das Verlagswesen, die ehemals Rodenbergsche Deutsche Rundschau, die Neue Rundschau, der Filmbetrieb usw. Die jüdische Beweglichkeit fand dabei eine nicht immer erfreuliche Betätigung; aber man muß doch festhalten, daß ohne diese Mitwirkung jene äußerlichen Attrappen, die Berlin einer wahren Nationalhauptstadt ähnlich machen, überhaupt kaum zustande gekommen wären. Die Juden haben dabei nicht so sehr als Juden gewirkt denn als Menschen, denen gleich den meisten Europäern ein konstruktives Zusammenwirken in geistigen Dingen leichter fällt als dem Deutschen, der, soweit er nicht Philister ist, in undisziplinierbarer Eigenbrödelei vernarrt. Daß von Friedrich Schlegel bis zu Dehmel deutsche Dichter und Denker in Berlin jüdische Gefährtinnen brauchten, ist mehr als ein biographisches Kuriosum: es ist ein soziologisches Symptom. Immer ist dabei festzuhalten, daß neben jüdischer Besonderheit auch jener dem Juden mit anderen nichtdeutschen Nationen gemeinsame unmittelbare Sozialinstinkt seine Mitarbeit so unentbehrlich machte. Der Germane neigt irgendwie zu ungeselliger Vereinzelung (darum bringt er auch gelegentlich Persönlichkeiten von unerhörter Stärke hervor), und so scheint jede germanische Gesellschaft auf Symbiose mit geselligeren Naturen hingewiesen; so erklärt sich der starke französische Einfluß in Skandinavien oder Holland und in England der schon erwähnte irisch-keltische Faktor. Meredith urteilt in seinem Roman „One of our Conquefors" so über die germanische Masse seiner Nation: ,,Es ist ein Volk von langsamen Bewegungen und verzögerter Entwicklung, und so fehlt es ihrem Lande an ausgeprägten

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