Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Politische Gegenwartsprobleme des deutschen Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Paul Amann: zu haften zwingt. Immerhin war diese Reichsfeindschaft nur eine ganz lokal beschränkte Episode. Jedenfalls wurde das positive Verhalten der Judenschaft zu Krieg und Reich durch den Ausgang des ungleichen Kampfes gegenstandslos; Ballin hat sein Leben eingesetzt, um die verhängnisvolle Herausforderung Amerikas zu verhindern; es kam der Zusammenbruch und das endlose Chaos der Nachkriegsnot. Dem materiellen Elend, das über Deutschland hereinbrach, sind der jüdische Kaufmann, Industrielle, der Arzt, Advokat und Privatbeamte weit weniger entrückt als etwa der Landwirt; leiden sie physisch vielleicht immerhin weniger als die Masse der deutschen Bevölkerung, so ist ihre moralische Lage, besonders die Lage der Jugend, erst unlängst von einem Führer der deutschen Jugendbewegung, der ziemlich rechts steht, als geradezu furchtbar bezeichnet worden. Wir Älteren sind mit unserem lauwarmen Kompromißprogramm loyalen Staatsbürgertums irgendwie mitschuldig an diesen Leiden. Es zeigt sich wieder, daß bei entfesseltem Spiel der Kräfte Halbheiten nicht einmal praktisch sind. . Im Wirbel täglicher Katastrophen ist es nicht möglich, nun in aller Eile Richtlinien praktisch-politischen Verhaltens zu ziehen; man kann jener Jugend nur ein Erkennen der wirklichen Sachlage erleichtern. Diese Erkenntnis ist darum nur mit teuerstem Einsatz zu erringen gewesen, weil nicht nur die Lage des jüdischen Volkssplitters im gärenden Deutschland, sondern auch die Lage Deutschlands in historischer, in soziologischer Hinsicht eine ganz ungewöhnliche ist. Es gibt einen Standpunkt, von dem aus sogar die volkliche Wesenheit des Juden als relativ normal, hingegen die deutsche als in aller Welt abnormal erscheinen kann. Unser Zugehörigkeitsgefühl gegenüber Jüdischem ist instinktiv und durchaus von unserem Wollen, unseren politischen Programmen unabhängig; die Entscheidung für oder gegen bewußtes Judentum" erfolgt in viel höheren Stockwerken; der Assimilant mag oft ein echterer Jude sein als der Zionist. Ganz so ist der Franzose als Chauvinist wie als Pazifist oder Kommunist ganz triebhaft ein Träger seines Volkstums, 9b er will oder nicht. Um das innere Geschehen im deutschen Volke zu begreifen, muß man sich nun vorzustellen versuchen, daß der heutige Deutsche zwar ganz instinktiv sein Volkstum bejaht, soweit es sich in seiner individuellen Schattierung ausspricht, daß hingegen das kollektive Dasein, der deutsche Staat, die deutsche Gesellschaft offenbar einer solchen unwillkürlichen, instinktiven, vom Wollen unabhängigen Bejahung noch ermangelt. Der deutsche Patriotismus ist oder war noch gestern eine Bewegung im gleichen hell beleuchteten Stockwerk, in dem man die Dinge bewußt, nach Programmen zu gestalten sucht. Allerdings dürfte das hochbegabte, aber trotz seines Alters geschichtlich unfertige Volk gerade aus dieser furchtbarsten Krise, wenn es sie überlebt, mit einem tiefer verankerten Gefühl seiner volklichen Persönlichkeit hervorgehen; wir Juden stehen mit unserem unter Druck und Knechtung entstandenen Nationalinstinkt nicht allein. Das englische Volk wurde, was es ist, unter Normannendruck, das fran-