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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 5

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Politische Gegenwartsprobleme des deutschen Judentums
Date
1923-01-01
Page
5 (sequence 5)
Language
German
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Politische Gegenwartsprobleme des deutschen Judentums 5 hat. Moralisch bedenklich in dieser Haltung vieler Juden war die unbewußte Ranküne gegenüber der Kirche und — besonders in Deutschland — gegenüber dem imponierenden staatlichen Machtapparate, von dem man ausgeschlossen blieb. Immerhin waren das nur trübende Untertöne. Es sind im jüdischen Sozialismus volle, edle Volkskräfte am Werke, uralter Messianismus, Hunger nach Gerechtigkeit, tiefes Erbarmen^— alles Eigenste unseres Wesens: von mutiger Kritik bis zur Unbedingtheit, die kein Opfer scheut. Selbst eine gewisse Abart von Hurrapatriotismus mochte mitwirken: wer dem Hegelianer Marx folgte, konnte sich einbilden, gewissermaßen unter jüdischer Führung und Fahne die ganze Welt zum Heil zu führen. Alle diese unbewußten und halbbewußten Antriebe durften einer feindlichen Umwelt in karikierender Vergröberung, als teuflischer Plan, als weltumspannende Intrigue erscheinen. Doch blieb diese Gegenwirkung der Anderen latent, solange Europa im Gleichgewichte war. Jenes loyale Staatsbürgerempfinden glich den gemäßigt korrekten Gefühlen, die in einer Vernunftehe herrschen. In Zeiten schwerer Lebenskrisen kann niemand bei so wohltemperiertem Mittelmaße stehen bleiben: das Band wird reißen oder sich im Widerstand gegen solche Zerreißung rasch ins Ungeahnte verstärken. Die Mehrzahl der Juden hat bei Kriegsausbruch die zweite Wandlung erlebt: man fand sich tief mit dem heimischen Boden und seinem Volke verwurzelt. Dann kamen die ersten und immer neue Blutopfer: es ist Menschenart, den Moloch zu verehren, der unsere Kinder in Gluten verzehrt; man will seine Lieben oder die eigene Gesundheit nicht einem Ungeliebten, Wertlosen hingegeben haben. Politische Sonderziele spielten mit: die Befreiung der russischen Juden erschien als Siegespreis, auch Palästinas Schicksal erfüllte mit hoffnungsvoller Sorge. Die Gleichförmigkeit der zensurierten Zeitung, die Gleichförmigkeit des Lebens in der Armee ließ überhaupt die jüdische Besonderheit, ein jüdisches Sondererleben während des Krieges nicht recht aufkommen; charitative Tätigkeit bot unseren Frauen neue Wirkungskreise (und es ist Menschenart, hoch von Zuständen zu denken, die unseren Kräften neuen Spielraum geben), ließ die Männer an der Front den Rausch großer Gemeinschaft erleben. Ich habe in Ostgalizien bei jüdischer Zivilbevölkerung Beispiele von leidenschaftlichem Patriotismus erlebt; immerhin war jeder bewußte Jude zutiefst durch die tragische Vorstellung gehemmt, daß er an jeder Front gegen Menschen seines Blutes zu kämpfen habe. Kritisch war die sittliche Lage im deutschen Reichslande. Dort war die zahlreiche jüdische Bevölkerung seit der Annexion im Jahre 71 ein Hauptträger der Opposition; dieses Verhalten war nicht nur eine Folge der fühlbaren bürgerlichen Rechtsverminderung, die unter dem antisemitischen, antidemokratischen Regime Neudeutschlands eingetreten war, sondern Ergebnis der gleichen Kräfte, die sonst im Osten die Juden so hartnäckig, oft gegen ihren materiellen Vorteil, an deutscher Sprache und Bildung festhalten ließen: es ist da eine Art Gesetz wirksam, das Minoritäten am höher entwickelten Volkstum

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