Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Politische Gegenwartsprobleme des deutschen Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Paul Amann: alle Chancen hatte, zu einem gewissen Einfluß zu kommen. In seiner Kaltstellung hatte es vor allem den kritischen Beobachter der Weltereignisse abgegeben und durfte sich jetzt den Ereignissen besser gewachsen glauben. Das war ein Irrtum, den wir alle büßen. Von der sittlichen Seite her brauchen wir uns weder der Eisner, noch einer Luxemburg zu schämen; Landauer und Rathenau aber sind gar von idealem Glänze überstrahlt. Betrachten wir diese zwei kurzen Episoden jüdischen Einflusses ganz kühl, als vorübergehende Kombinationen im furchtbaren Kräftespiel, unter dem Europa versinkt, so erklärt sich dieses überraschende Vortreten des eben noch so gering geschätzten Volkes durch ein kurzes Aufflammen einer Hoffnung, sich mit dem europäischen Westen verständigen zu können; dabei wurden instinktiv Juden vorgeschoben, weil man sie diesem Westen verwandter fühlte, sie in innigerem Kontakte mit dessen politischen Triebkräften ahnte. Es ist ganz klar, wie sehr diese Meinung sich gegen das Judentum kehren mußte, sobald jene Hoffnungen getäuscht wurden. Solche Fälle sind nicht ohne Analogie in der Zeitgeschichte: das englische Weltreich läßt sein schwierig gewordenes Indien vom Juden Lord Montague verwalten, weil es dem mehr Einfühlung in orientalische Wesensart zutraut; Sir Herbert Samuel ist ein noch näher liegendes Beispiel. Ein verwandter Fall ist auch der des Wallisers, des „Welschen" Lloyd George, der mit seinem zum Teil recht unenglischen Temperamente vier Jahre die Geschicke Englands bestimmen durfte, als man dem feurigen Teufelsgreis Cl6menceau keinen schwerblütigen Germanen entgegenzustellen wagte. Ich weiß nicht, ob nach dessen Versagen die englischen Kelten Spatt und Geringschätzung zu tragen hatten; in Deutschland hatte die Judenschaft für die kurze Machtfülle weniger Männer, die sittlich weit über Lloyd George standen, schwere Reaktion zu dulden. Doch wollen wir jetzt im eigenen Haus und Herzen erfragen, was es mit unserer „westlichen Orientierung" auf sich hat, die zu einer „deutschfeindlichen" leicht umzulügen ist. Wenn bis 1914 unser Verhältnis zu unserem geographischen Vaterlande * zur Sprache kam, wurde in unseren Kreisen mit vollem Rechte und in ehrlichster Überzeugung versichert, wir seien „loyale Staatsbürger" des Deutschen Reiches oder der österreichisch-ungarischen Monarchie. Damit konnte sich die Umwelt unter den damaligen Verhältnissen zufrieden geben. Die politische Struktur Mitteleuropas erschien auf lange Zeit, wenn nicht auf immer, gefestigt und ein entschiedenes Annehmen dieser fixen Gegebenheiten mochte als politisches Gegenwartsprogramm allen- Forderungen genug tun, die unsere Umwelt an uns stellen konnte. In Österreich war der aktive Anteil der Juden in der Politik fast nur innerhalb der Sozialdemokratie möglich (in Deutschland stand es ähnlich, nur daß dort eine stärkere soziale Fehme viel Juden in bürgerlichen Kreisen erhielt), sodaß sie, allerdings mit Aufgabe ihres Volksgefühls, am Umsturz des Bestehenden mitzuwirken schienen; aber die Ereignisse haben gezeigt, wie wenig die deutsche Sozialdemokratie mit einem nahen Umsturz gerechnet, an ihn geglaubt