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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 1 · p. 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 1
Article
Politische Gegenwartsprobleme des deutschen Judentums
Date
1923-01-01
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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2 Paul Amann: Schürzen des Knotens waren die Herrschaften so ganz unter sich wie schon lange nicht. In einer Zeit historischen Optimismus, im Rausch det französischen Revolution, die das blutige Spiel der Geschichte zu beenden glaubte, in einer ungeschichtlich gerichteten Epoche war das Judentum in die europäische Gemeinschaft eingetreten. Im Augenblicke, da die düsteren Mächte geschichtlichen Katastrophenganges wieder vorbrachen, ist das eben noch so mächtige Judentum für einige Zeit wie weggeweht. Mag es auch weniger Verdienst als Schande — eine von der halben Menschheit geteilte Schande — sein: was das Judentum nicht mitveranlaßt hat, dem blieb es doch mit seiner betriebsamen Art nicht fern. Daß es sich diese Zustimmung oft innerlich abringen mußte, macht seine Leistung vom höchsten Standpunkte aus nicht erfreulicher, ist aber in den Augen eines ,,Rechts"mannes eher ein Vorzug. Der müßte auch die unzweifelhaften -Fälle deutsch jüdischen Chauvinismus hoch anrechnen. Da es in der allgemeinen Begriffsverwirrung üblich wurde, den erzwungenen ^Kriegsdienst im Sinne ritterlicher Ideale zu ehren, so ist nicht einzusehen, warum die zahlreichen jüdischen Frontkämpfer in den Augen ihrer Kameraden nicht des gleichen Ehrenzolls teilhaftig werden. Die Meinung, daß'sie sich weniger kampftüchtig bewiesen hätten, stammt gewiß nicht aus direkter Erfahrung. Seine in den letzten Jahrtausenden erworbenen psychischen und physischen Eigenschaften machen den Juden gewiß nicht zum tüchtigen Nahkämpfer (obwohl er bei völliger Nichteignung kaum so viel hervorragende Fußballer stellen könnte), aber die meisten Mutproben dieser endlosen Waffengänge waren gegenüber fernwirkender Vernichtung abzulegen, und hier war erfahrungsgemäß der willenszähe, auch oft eitlere Jude geradezu im Vorteil. Welcher Ansporn zu bravouröser Haltung, wenn im Trommelfeuer manche kraftvolle Germanengestalt zusammenknickte, während uns das Entfalten einer bequem passiven Tapferkeit nicht gar zu schwer fiel. Abgesehen von dem oberflächlichsten Ansporn) das Vorurteil von jüdischer Feigheit zu widerlegen, kamen bei den Besten höhere Motive der Hingabe dazu: seit Kindertagen immer irgendwie von der Umwelt ausgeschlossen, erlebte man unter den gleichmachenden Umständen der Front und gar der höchsten Gefahr den berückenden Reiz eines Eintauchens in die Gemeinschaft, ein gesteigertes und dabei wohltuend vereinfachtes Dasein, bei dem der Tod viel von seinen Schrecken verlor. Mag dies Täuschung gewesen sein — in jenen Augenblicken schien es Wirklichkeit. Da es im Schwange ist, namenlose Tote zu ehren, so möchte ich hier unbekannten jüdischen Kriegsgefährten ein bescheidenes Denktäfeichen errichten: beim Sturm des I. R. 88 auf Wojnilow, am 6. Juni 1915, war unter den wenigen Toten ein jüdischer Aspirant, ein kurzbeiniges Männchen mit guten treuen Knabenaugen; der Tod hatte tief unter das Mindestmaß für gefallene Helden gegriffen. Dann höre ich die ruhige Gutturalstimme des braven Geschäftsreisenden, der als Unteroffizier, vor einer Kärntner Bergstellung die tötliche Kügel bekam, als er das Legen neuer Drahtverhaue mit der gleichen Gewissenhaftigkeit überwachte wie einst die Manipulation im Schnittwarenlager. Er liegt zwischen

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