Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Politische Gegenwartsprobleme des deutschen Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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PAUL AMANN/ POLITISCHE GEGENWARTSPROBLEME DES DEUTSCHEN JUDENTUMS Der alte deutsche Judenhaß ist seit dem Kriegsende umfassender und heftiger geworden, und wenn er da und dort milder scheint, so ist in Wahrheit der Haß in Schlimmeres, in Verachtung übergegangen. Allen solchen Verächtern mit noch größerer Geringschätzung zu begegnen oder ihnen in diesem Sinne auszuweichen, mag der Einzelne versuchen. Wer für eine Gesamtheit, für eine Gruppe von Juden, ja^auch nur für eine jüdische Familie, in der Kinder und Jugendliche von solchen Giften bespien werden, diese Sachlage überdenkt, wird bei so ganz negativem Verhalten nicht stehen bleiben. Aus der Verachtung, die dem Verächter erwidert, heraus* zutreten, bedeutet allerdings keineswegs ein Übersehen der verächtlichen Motive, die im Tun dieser neuesten Abart von Judenfeinden wirksam sinä. Selbst von einem erbarmungslosen Gegner gefesselt und gewürgt, verschaffen sich die Hakenkreuzler unter den Deutschen die niedrigste Erleichterung: dem Wehrlosen in ihrer Mitte ein Gleiches anzutun. Es liegt in solchem Kurzschluß der Gefühlsreaktion eine entwaffnende Dummheit: statt alle Kräfte, die guten Willens sind, energisch zusammenzufassen und in solcher Stunde in einem Bekenntnis zu Deutschland einen hinreichenden Beweis innerer Zugehörigkeit zu erblicken, schadet sich der neueste deutsche; Antisemitismus durch seine eigene Unduldsamkeit und seine brutal-feigen Gewalttaten in einem Augenblicke, wo die Erringung der Weltsympathien eine Lebensfrage für das deutsche Volk ist. Aber es wäre töricht, an dieser Stelle solchen Gegnern Ratschläge geben zu wollen, wie gewisse Wochenschriften alten Stiles tun zu pflegten« Es handelt sich ganz offenbar um eine elementare Äußerung der Masseninstinkte, die durch das Heraus-* heben ihrer nur häßlichen und törichten Elemente nicht hinreichend gekennzeichnet sind. Auch wer längst von der Erkenntnis durchdrungen ist, daß in Deutschland jede soziale Erschütterung den Judenhaß verstärkt, dürfte über das jetzige Aufflammen schlimmerer Feindschaft etwas erstaunt sein. Dieü Entstehung des Weltkrieges erschien als glatte Widerlegung des Gemeinplatzes vom dominierenden Jüdischen Einfluß: Ganz abgesehen von den christlichen und allerchristlichsten Staatslenkern, die Kriegserklärungen zu unterfertigen hatten, war keiner der maßgebenden Diplomaten (Sonnino rat erst 1915 in Aktion), keiner der den Krieg eröffnenden Generale ein ude. Seit langem war keine so welterschütternde Angelegenheit mit so rikten Anschluß jüdischer Mitwirkimg gemacht worden. Das Mittun der dischen Presse und Finanzwelt setzte erst nach Kriegsbeginn ein. Beim Heftl *