Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Ein Verwandter
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 729 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Ein Verwandter 729 verflossener Menschheitsmomente. Vielleicht kann der Europäer sagen: Psalmen, Odyssee — Sakuntala — Hamlet — Faust — und empfinden, daß das alles öffentliche Gärten sind, in denen jeder Erzogene sich ergehen kann. Wir aber, zur Hälfte zugewandt dem Kulturen sammelnden Westen, zur Hälfte dem in sich selbst versunkenen Osten, spüren die Fremdartigkeit der Farben und Düfte in diesen Gärten und sehnen uns nach eigenen Gründen, in denen uns jede Blume und jeder Grashalm vertraut ist, in denen wir mit eigener Hand Blumen und Gräser unserer Wahl pflanzen können. Behalten wir unsere Fremdheit schon gegenüber den großen Offenbarern des Menschengeistes in allen Zeiten, dann um so tiefer in der Gesellschaft derer, die uns in der Zeit und dem Zeitgeiste noch nahestehen. Wir, noch unfähig, unser eigenes Erleben auszusprechen, sehnen uns, irgendwo — und sei es bei Fremden — ein Wort zu finden, das uns mehr als ein ästhetischer Genuß sein kann, das uns etwas über uns selbst und unser eigenes Leben aussagt. Und glauben doch kaum, daß unsere Sehnsucht erfüllbar ist. Denn ein Dichter für uns vom Völkischen Faszinierte müßte ein völkischer Dichter sein. Aber wie könnte der Dichter einer anderen Natur, einer anderen Zunge und anderen Geschichte gerade so sein, daß wir in seinen Zügen unser eigenes Volksantlitz zu erkennen glauben? Es sei denn, daß er auch dies mit uns gemeinsam hat, daß sein Völkisches sich ausgeweitet hat zum Übervölkischen (beileibe nicht Internationalen, wie ja auch wir Nationalen nicht Internationale sein können); daß er— wie wir — im Volk die Menschheit gefunden und — höher schon vollendet als wir Neugeborenen — ihr seine Volkheit zugetragen hat. Gibt es einen, der den Grad und das Timbre unserer Liebe zum eigenen Lande, unseres Jasagens zur eigenen Volksart, unserer Sehnsucht nach Menschheit und Weltall hat und dabei alle Tage unser Leben lebt? Gibt es für uns Gefesselte einen solchen Befreier? Er würde uns, die sich noch nicht aus eigener Kraft befreien können, ein deus ex machina sein. Ich habe eines Tages in Palästina Walt Whitman erfaßt. Ich las, und im Lesen weitete sich meine eigene, meine palästinensische Welt ins Ungemessene. Alles umringte mich, was unser Leben bedeutet: Einwanderung junger Scharen in ein neues Land und ihre Seßhaftmachung. Erschließung der Naturkräfte. Bereitung des Bodens. Gefahr. Abwehr. Gemisch der von überall Zusammengeströmten. Auch das Innerliche: Verschmelzung der Typen und Stände. Neue Gesellschaftsformen. Neue Aufgaben an der Menschheit: eine neue Ethik, neue Kunst, neue Erotik. Ein neues Weltgefühl: eine neue Religion. Alles erhoben aus der Blässe eines Traumes in das Leuchten eines lebendigen Tages; aus der Enge eines kleinen Landes in einen Kontinent mit allen Winden und Vegetationen, mit allen Erdformen und Naturgewalten, mit hundert Rassen und tausend Sprachen. In jedem einzelnen „Grashalm" fand sich unser eigenes Leben mit seinem Heute und Morgen — nur projiziert auf die Fläche eines Erdteils; in jedem Wort des gewaltigen Werkes konzentrierte sich wie in einer Sammellinse das ganze Licht unseres Tages. Es ist nicht möglich, weiter über Walt Whitman zu solchen zu sprechen, zu denen er selbst nie oder nur in einem Augenblick gesprochen hat, in dem sie nicht für ihn geöffnet waren. Um Walt Whitman zu verstehen, braucht man nur irgendeinen seiner Grashalme aufzulesen, — jeder einzelne ein Mikrokosmus, in dem sich seine ganze Persönlichkeit spiegelt. Ich setze irgendein Gedicht hierher — es könnte ebensogut ein anderes sein, in jedem einzelnen ist seine ganze Welt und wie mir scheinen will — unsere Welt Einer der „Grashalme"seiner unübersehlichen Weide beginnt so: Pioniere, Pioniere! Kommt meine braunen Kinder, Folgt in geordneter Reihe, haltet die Waffen bereit, Habt ihr die Pistolen? habt ihr die spitzigen Äxte? Pioniere! Pioniere!