Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Ein Verwandter
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 728 (sequence 1)
- Language
- German
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BEMERKUNGEN EIN VERWANDTER An den langen palästinensischen Abenden reden wir manchmal davon, daß wir noch stumm sind wie eben erst Geborene. Und wir reden davon als von einem quälenden Schmerz. Denn ganz in uns sebst vertieft, ganz erfüllt von der Bedeutung jeden Momentes, den wir in unserem neuen Leben durchlaufen, fühlen wir dieses Leben über uns hinwegbrausen, ohne daß wir es in Worten und Klängen, in Farben und Formen halten können. Wir — hergeweht aus allen Enden der Welt, gespeist von allen Fluren und Kulturen, hineingestellt in eine ganz neue Natur und neue Arbeit, wir, Zertrümmerer alter Formen, Sucher nach neuen — wir können die Züge unseres eigenen Gesichtes noch nicht erkennen. Wir kennen nur unsere Vergangenheit, aber wir kennen nicht die Richtung unserer Zukunft, kennen nicht einmal unsere Gegenwart Darum sind die Lieder unserer Jungen Couplets oder Brettllieder, ist das, was wir „unsere" Musik nennen, noch eine Imitation der sangbarsten und gangbarsten Weisen fremder Völker in Ost und West Darum ist unsere Malerei ein Abkonterfeien der Landschaft und ihrer Bewohner — der vorgestellten aus Vätertagen, der heute begriffenen, aber nicht ergriffenen; oder ein ermüdendes Allegorisieren mit wenigen ärmlichen Formen; oder — wo man es etwa wagte, den neuen Menschen zu porträtieren, würde das zur Photographie irgend eines Pionier-Uniformträgers. Darum ist auch unsere Literatur immer nur eine Novelle, ein Essay, ein Stimmungsbild, immer nur ein Ausschnitt, niemals das Epos unseres Lebens. Wenn sich dieses Stammeln nach Ausdruck bewußt zu einer nationalen Kunst aufrecken will, so degeneriert diese sofort zum patriotischen Ausdruck. „Patriotisch" aber ist das Todesurteil einer nationalen Kunst, denn das heißt: Gruppierung von Worten ohne Farbe, Duft und Lebensatem; es bedeutet: weltfeindüches Verkrochensein in einen Eigenwinkel. Das ist das Merkmal jedes patriotischen Bildwerkes, ob es nun blanke Offiziersstiefel oder Menorahs und Magen Davids darstellt (nicht einmal das Werk des großen Menzel in seiner Gesamtheit entgeht em Vorwurf der Verengung!); das ist das Merkmal jedes vaterländischen Dramas, jedes Vaterlandsliedes, gleichviel ob es heißt: „Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben", oder „God save our gracious king" oder „Dort wo die Zeder schlank die Wolken küßt". Bei fertigen Völkern gibt es neben diesem patriotischen Kunstbemühen natürlich eine wirkliche nationale Kunst — wie könnte sie in der Welt fehlen? Der Künstler trägt das Gepräge seines Landes, in ihm sind Licht und Farbe, Sprache und Erfahrungen, Wissen, Glauben und Empfindungen seines Landes und seines Volkes. Ob er Feuerbach, Manet oder Gainsborough heißt; ob Reger oder Tschaikowsky; ob Dostojewsky, Strindberg, Hauptmann oder Peladan — er ist ein nationaler Künstler«. Er hat Töne auf seiner Harfe, die aufzunehmen alle Menschen Nerven besitzen, aber dennoch wird er nicht nur an der Sprache, sondern auch an der Seele immer als Deutscher, Russe, Schwede erkannt werden. Und seine Kunst wird um so echter national sein, je weniger er sich seiner nationalen Besonderheit bewußt wird und auf ihr spielt. Was nicht bedeutet, daß er nicht auch das Antlitz seiner Heimat, den Charakter seiner Volksgenossen, die Stimmung eines Augenblicks der Volksgeschichte voller Liebe festhalten kann, wie etwa Fontane es tat. Diese nationale Eigenart aller Kunst macht es, daß wir nach Palästina Verpflanzten uns bei allen Künstlern der Welt immer nur zeitweilig zu Gaste, niemals ganz zu Hause fühlen dürfen. Nicht einmal bei unserer eigenen Kunst vergangener Äonen,