Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Der Sabbath
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 722 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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722 Hugo Rosenthal: es als ein stets Sich-Erneuendes zu erleben. Solange nämlich, als zwischen dem Gedanken und seiner Formel der kausale Zusammenhang als lebendiges Band, gleichsam als die Nabelschnur, empfunden wird, die dem Gesetze immer wieder den Pulsschlag des Gedankens übermittelt. Irgend eine Zeit aber durchschneidet die Nabelschnur, dann wird Gesetz zu .lebloser Satzung. Der soziale Gedanke des Sabbath hat dieses Erstarren seines Gesetzes erfahren. Und wir befinden uns heute in einer Situation, in der Bruch des Gesetzes notwendig erscheint, damit der Gedanke aufs Neue sich formen kann. Ich möchte an dieser Stelle mich dagegen verwahren, in die Reihe der sogenannten Liberalen und Reformer gestellt zu werden. Wenn der Ausdruck nicht zu anmaßend erscheint, möchte ich sagen: Wir wollen den Kampf der Mischnahlehrer um die Formeln des sozialen Erlebnisses, um das Gesetz, wieder aufnehmen. Mitten in ihre erlauchte Gesellschaft müsser? wir uns begeben, mit ihnen streiten, wie sie miteinander stritten; und wie in ihrem Kampf sich Gesetze formten, so mag aus unserem Kampf mit ihnen das neue Gesetz hervorgehen, durchströmt von der Kraft unseres Gedankens.1) Das ist ein Werk, das Jahrhunderte braucht. Aber wir leben in einer Zeit des Anfangs! Aufgabe einer Jugend, die Verwirklichung des Sozialismus durch Chaluziuth will, die andererseits aber auch wieder zu lernen beginnt, ist es, Träger des Anfangs zu sein. Viel stärker als im 4. Gebote kommt der soziale Gedanke des Sabbaths in der Vorschrift über das Joweljahr im 25. Kap. des Leviticus zum Ausdruck. „Wenn Ihr in das Land kommt, das ich Euch verleihen werde, so soll das Land dem Ewigen eine Ruhezeit halten. Sechs Jahre hindurch magst Du Dein Feld besäen und den Ertrag des Landes einheimsen. Aber im siebenten Jahre soll das Land unbedingte Ruhe haben, eine Ruhezeit für Gott.... — Weiter sollst Du Dir sieben Ruhejahre abzählen siebenmal sieben Jahre — so daß die Zeit der sieben Ruhejahre neunundvierzig Jahren gleichkommt, dann sollst Du im siebenten Monat am zehnten des Monats die Lärmposaune erschallen lassen. . . , Als ein Halljahr soll es Euch gelten. Da sollt ihr ein jeder wieder zu seinem Besitz und ein jeaer wieder zu seinem Geschlecht kommen. . . . Grund und Boden darf nicht endgültig verkauft werden, denn mein ist das Land; denn ihr seid Fremdlinge und Beisassen bei mir. . . ." Hier wird der Sabbath, dessen Rhythmus sich erweitert über den Rhythmus des Sabbathjahres zum Rhythmus des Joweljahres, zum Träger der Grundforderung des Sozialismus: Beseitigung des Bodenbesitzes als Quell allen Besitzes. Der soziale Gedanke wird hier so stark ausgesprochen, daß er auch durch die theologische Begründung ,,ki Ii kol haarez" nur eine scheinreligiöse Färbung erhält. Das eigentlich religiöse Moment erkenne ich vielmehr in dem Rhythmus von Spannung und Entspannung, der l) Man beachte die interessante Stelle in Pesachim V, 8. Bei der Darbringung des Passahopfers war der Boden des Tempels mit Blut bedeckt. Die Priester säuberten ihn. auch am Sabbath — gegen den Willen der Chachamim.