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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 12 · p. 721

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 12
Article
Der Sabbath
Date
1923-01-01
Page
721 (sequence 8)
Language
German
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Der Sabbath 721 von Ermüdung und Erneuerung am besten mit einem Vergleich aus der Musik deutlich machen. Ihr Rhythmus wird bestimmt durch die Gesetze der Spannung und Entspannung. Da nun steht im Rhythmus der sieben Tage Kiddusch, wo die Entspannung beginnt; da Hawdalah, wo die Spannung aufs neue anhebt Zwischen beiden ist „oneg schabbath", das wonnevolle Ruhen in Gott, ein Erfülltsein von Heiligem. Auf dieser Stufe der Entwicklung wird die scharfe Grenze gezogen zwischen Sabbath und Werktag: hamawdil ben kodesch l'chol. Der Sabbath ist der von Heiligem erfüllte Raum, in welchem für das Weltgetriebe kein Platz ist. Es scheint fast unmöglich, diese Steigerung des Sabbathgedankens noch zu überbieten, und doch geschieht das Unmögliche, allerdings in einer Geistigkeit, in der das Unmögliche das Gewöhnliche ist: in der Mystik. Indem sie den Moment der Entspannung durch eine geistige Neugeburt deutet, reißt sie das Sabbathgefühl in die schwindelhaften Höhen des Geheimnisvoll- Wunderbaren; am Vorabend des Sabbath erhält der Mensch eine besondere Seele, die neschamah jethera, die Sabbathseele, wie man sagt. In diesem kühnen —* im wörtlichen und übertragenen Sinne wundervollen — Bilde drückt die Mystik das ganze Sabbatherlebnis aus. In ihm ist oneg schabbath und Sabbathraum und Heiligkeit in Einem. Heil dem, der diesen Augenblick kennt, in dem die neschamah jethera in ihn hereinbricht. Er hat den Sabbath auf endgültige Weise erlebt. Mit einer Endgültigkeit, in der Gesetz und Uberlieferung bedeutungslos werden. Mit einer Endgültigkeit, die alle überkommenen Begriffe aufhebt, sogar die des Rechtes und der Sittlichkeit, weil sie eben das Endgültige, also auch absolutes Recht und absolute Sittlichkeit ist. Auf dieser Stufe des Erlebens ist auch die Polarität im Juden aufgehoben. Das Heilige hat ihn übermannt, für Unheiliges ist kein Platz, da, wo die Sabbathseele regiert. Selbst wenn er Böses redet und tut, dringt es nicht in den Sabbathraum. Mir ist der thefillinlegende Wucherer, der Buber „innersten Schauder erregt, weil er den Gott betrügt, den er weiß," verständlich geworden, als ich ihn als Beter am Sabbath erlebte. Da erfuhr ich das, was Dostojewski im „Idiot" mit diesen Worten sagt: „Das Wesen des religiösen Gefühls wird weder durch vernunftmäßige Überlegungen, noch durch Vergehungen und Verbrechen, noch durch atheistische Anschauungen berührt. Es ist etwas Andersartiges und wird in alle Ewigkeit etwas Andersartiges sein." V. Religiosität — wie jede Empfindung — gestaltet das aus ihr werdende Erlebnis stets neu. Der späteste Enkel erfährt sie so ursprünglich, so als eigenstes*Gebilde seiner Seele, wie der Mensch der Vorzeit. Ihre Formen, die Gesetze, die sie sich schafft, sind Formen und Gesetze seines sich aussagenden Empfindens oder sie sind für ihn ohne Geltung. Sozialismus — wie alles Gedachte — führt notwendig zum Gesetz, d. h. zu der für eine gewisse Menschheitszeit gültigen Formel ihres Erlebnisses. Die nach diesem Gesetz tun, vermögen bis zu einer bestimmten Grenze Heft 12. 46

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