Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 713 (sequence 10)
- Language
- German
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 713 schon besiegelt ist, ihm noch die Wiedergenesung bringen kann. Nützt doch das eigene Gebet des Kranken ihm viel mehr als das Beten anderer *), und gehören doch die meisten Kranken wieder dem Leben.2) Wie oft hat es doch schon der Kranke in seinem eigenen Verwandten- und Bekanntenkreise gesehen, daß viele, selbst bei schwerer Krankheit, nach dem Widdujsagen — und vielleicht gar dadurch — wiedergenesen und noch viele Jahre sich des besten Wohlbefindens erfreuten? Dem gläubigen Kranken gewährt natürlich überdies das Widdujsagen die Beruhigung, daß, wenn sein Zustand eine schlimme Wendung nehmen sollte, er mit dem Widduj gerüstet vor Gott wird treten können. Nur sehr Unwissende meinen, daß Widdujsagen schon einen Abschied vom Leben bedeute.3) Das Widdujsagen wird im Osten als hochheilige und tiefernste rituelle Handlung betrachtet, die besondere Stimmung und Vorbereitung verlangt. Der Kranke, Mann oder Frau, legt, nachdem er sich bedächtig die Hände gewaschen hat, weiße Wäsche an, um rein und weiß vor Gott zu treten. Ein Mann umgürtet sich, wie zum Gottesdienste, mit dem sog. Gartel (Gurt) und umhüllt sich mit dem Gebetmantel (Tallith), den er nach ostjüdischer Sitte über den Kopf zieht. In tiefem Ernste und fast immer unter Tränen sagt er nun das Widduj vor sich hin. Doch ist der Brauch nicht wenig verbreitet, daß dem Kranken, selbst wenn er selber Widduj zu sagen vermag, doch der Text von einem frommen Manne Wort für Wort vorgesagt wird und er die einzelnen Wörter wiederholt. Im Osten ist es auch in sehr frommen Kreisen Brauch, daß zum Widdujsagen eines Sterbenden ein Minjan, und zwar zehn besonders fromme Leute, zusammenkommen. In der Regel werden, insofern nicht schon sehr fromme Männer aus dem weiteren Verwandten- oder Bekanntenkreise um den Sterbenden versammelt sind, Batlanim 4) aus dem Beth ha Midrasch, der Klaus oder dem Stübl gerufen, die mit den bei Kranken, Sterbenden und Toten zu sagenden Gebeten wie mit den diesbezüglichen Bräuchen wohl vertraut sind und hierfür auch entlohnt werden. Die Kabbalah legt besonderes Gewicht auf den Brauch, daß beim Widdujsagen eines Sterbenden zehn Leute anwesend sein sollen, die gleichzeitig für den Kranken das Erbarmen Gottes herabflehen sollen. Wo zehn Leute zu frommem Zwecke zusammenkommen, dort ist Gott zugegen.5) Zehn Leute bilden eine heilige Gemeinschaft und durch die zehn heiligen Funken ihrer Seele verscheuchen sie vom Kranken alle dämonischen Widersacher und Bedränger.Ä) Im Osten hört man oft gesunde Leute in frommer Dankbarkeit gegen Gott von ihrer überstandenen Krankheit erzählen, die so schwer war, J) Midrasch Bereschith Rabbah Abschn. 53. a) Tr. Gittin 28 A. 8) Im Osten erzählt ein Volkswitz : eine kranke, unwissende Frau habe nach dem Widdujsagen gefragt, ob sie noch Wasser trinken dürfe. 4) Uber Batlanim siehe meinen Aufsatz: „Beten und JahreschenkenDer Jude, Jahrgang VI, Seite 231—36. 6) Aboth, Abschn. 3. 5. e) Maabar Jabbok. Sifthei Zedek, Abschn. 19. *