Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 712 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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712 Samuel Rappaport: Erkrankung auf sein Widduj ängstlich bedacht; es wäre für ihn ein furchtbarer und geradezu unerträglicher Gedanke, ohne Widduj von der Welt zu gehen.x) Es kommt auch unter frommen Ostjuden nur sehr selten vor, daß jemand ohne Widduj stirbt, es sei denn, wenn er von einem plötzlichen Tode überrascht wird, der ihm keine Zeit zum Widdujsagen ließ. Ein solch Heimgegangener wird von den Überlebenden sehr bedauert, weil er ohne Widduj sterben mußte. Doch gilt, selbst in solchem Falle schon der erlittene Tod allein als Sühne für des Verstorbenen Verfehlungen.2) In der Regel sagt der fromme Ostjude schon am dritten Tage nach seiher Erkrankung Widduj. Da der Mensch, auch ohne krank zu sein, täglich des Todes gewärtig sein soll und es im Osten nicht wenige, besonders ältere Leute gibt, die sogar an jedem Abend vor dem Schlafengehen ihr Widduj sagen, bedeutet das Widdujsagen bei einer gewöhnlichen Erkrankung keineswegs etwas Tragisches oder unmittelbare Vorbereitung auf den Tod. Im Gegenteil, das Widduj als Ausdruck und Manifestation der Th'schubah ist in gewisser Beziehung eine oft erprobte S'gullah, die selbst in schweren Fällen, wenn das Schicksal des Kranken nicht unwiderruflich im Himmel *) Nathan Samuely schildert in ergreifender Weise in einer seiner Skizzen („Das Bußgebet*4 in „Kulturbilder aus dem jüdischen Leben in Galizien". Neue Folge. Leipzig 1892), wie eine Mutter, deren einziges Kind, ein vierzehnjähriges Töchterchen, an einem schweren Typhus sterbend dalag, mitten in ihrem hoffnungslosen Schmerz noch von der Angst gepeinigt wurde, ihr geliebtes Kind könne ohne Widduj sterben, „Da gilt es keine Zeit zu verlieren — rief sie sich voll Entschlossenheit zu — mein Kind, mein teures, mein einziges Kind darf mir nicht ohne Widde (= Widduj) aus der Welt gehen. Ich selber will mit ihr Widde sagen. ,Goldele, meine Krön, mein Herzkind, sagte sie zu ihr, willst du, daß ich mit dir zu Gott bete, daß er dir die Sünden vergebe?' Goldele. . . nickte ihrer Mutter leise mit dem Kopfe zu. Die Mutter setzte sich ihrem Kinde zu Füßen und betete mit schluchzender Stimme ihr das Bußgebet vor: ,Verzeihe, vergib uns, o Herr der Versöhnung, die Sünden, die ich begangen ohne zu wissen.' Goldele hauchte ihr jedes Wort nach, daß man nur das leise Zucken ihrer Lippen sah." Ich will hier eines Ereignisses gedenken, dessen Eindruck mir noch heute frisch in der Seele lebt. Es war im Sommer 1916, als man in das hait an der Kampffront gelegene K. u. K. militärische sog. fliegende Feldspital in Kaiinka (bei Zloczow in Galizien) einen durch Lunge tödlich verwundeten jüdischen Fähnrich namens Josef Bergl aus Budapest aus der Kampflinie brachte. Er hatte, wie mir sein vorgesetzter Offizier später erzählte, sich freiwillig zu einem äußerst gefahrvollen Patrouillengange gemeldet, auf dem er sich seine tödliche Verwundung geholt hatte. Er war noch bei Bewußtsein, nannte mir seinen Namen und Herkunft und bat mich, ich solle bei ihm bleiben. Bald darauf wurde er bewußtlos und schloß die Augen. Es begann, wie der Arzt meinte, die Agonie. Plötzlich schlug er die Augen wieder auf, ergriff meine neben ihm ruhende Hand und mit flehentlicher, kaum hörbarer Stimme bat er mich, ich solle mit ihm beten. Ich sagte ihm das „Sch'ma Israel" vor und, meine Hand in der seinen haltend, sagte er mir leise, aber vernehmbar die Worte nach. Kaum war das letzte Wort „echad" — mit dem üblichen etwas länger gezogenen „d" über seine Lippen gekommen, als er mit einem sichtbar zufriedenen, selig verklärten, nicht die geringsten Spuren eines Schmerzes verratenden, fast heiterem Gesichtsausdrucke still und beinahe unmerklich in die Ewigkeit hinüberschlummerte. Beim höllischen Lärm des Trommelfeuers führte ich in der Nacht auf der von feindlichen, russischen Raketen beleuchteten Straße die Leiche Bergls nach dem damals von Juden fast gänzlich verlassenen Zloczow. Nach jüdischer Sitte und Brauch wusch, kleidete und bettete ich sie am dortigen jüdischen Friedhof zur ewigen Ruhe. 3) Mechiltah, editio Weiß, Blatt 76 B.