Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 714 (sequence 11)
- Language
- German
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714 Hugo Rosenthal: daß man mit ihnen schon Widduj gesagt hatte, „was aber Gott zum Leben bestimmt, das kehrt, trotz eines vermeintlich schon hoffnungslosen Krankheitszustandes, zum Leben wieder". Vor dem Widdujsagen wird oft, nach traditioneller Sitte, vom Kranken oder einem seiner nächsten Angehörigen ein zur Verteilung an mindestens drei Arme bestimmter Geldbetrag beiseite gelegt, damit sich zu den, durch das Widduj zum Ausdruck kommenden Th'schubah und Th'fillah (Buße und Gebet) auch die Z'dakah (Wohltun) geselle. Th'schubah, Th'fillah und Z'dakah sind bekanntlich jene großen Tugenden, die, unter Umständen, selbst ein im Himmel bereits verhängtes böses Geschick noch zu wenden vermögen. x) HUGO ROSENTHAL / DER SABBATH2* L Wir wollen den Versuch machen, den Sabbath, der uns aus den zentralen Gedanken des Judentums verständlich wird, wieder in seine zentrale Stellung im Judentum einzusetzen. Der Versuch ist schwer, gilt es doch nicht nur, die schöpferische Idee, die ihn formte, zu erkennen, sondern auch diese Erkenntnis gegen das Heer anstürmender Halachoth zu verteidigen. Der Tradition soll ihr Recht werden, aber kein Recht, das herrscht, sondern eins, das dient. Wie mitten aus der umgebenden jüdischen Wirklichkeit, die ebenso Orthodoxie heißt wie Liberalismus, ebenso Abbruch wie Neubau, der Sabbathgedanke sich kristallisiert, wie er, im Vergangenen wurzelnd, in der Gegenwart neue Sprossen zu treiben beginnt, das wollen wir zu erkennen versuchen. Der Weg hierzu führt uns tief hinein in die Wesenheit des Judentums, das als ein polares Phänomen zu schauen wir begonnen haben. Seinen ewigen Ausdruck hat es gefunden in dem Worte: „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heilig Volk." Zwei Inhalte hat dieses Wort: einen irrationalen: höchste Intensivierung des Gefühls in der Religion als Ausdruck lebendiger Gottverbundenheit; einen rationalen: höchste Intensivierung des Verstandes im Sozialismus als Ausdruck lebendiger Menschenverbundenheit. Jeder dieser Inhalte wird in bedeutsamen Worten derThorah ausgesprochen. Der religiöse in den Worten: ,,Du sollst lieben den Ewigen Deinen Gott mit Deinem ganzen Herzen, mit Deiner ganzen Seele und mit Deiner ganzen Kraft"; der soziale in den Worten: „Du sollst lieben Deinen Nächsten wie Dich selbst". Hier ist allerdings der soziale Gedanke schon in die Glut des 1) Thalmud Jeruschalmi; Tr. Taanith II 1. 2) Vortrag» gehalten auf der Führertagung des Brith Haolim, 1923,