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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 12 · p. 711

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 12
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1923-01-01
Page
711 (sequence 8)
Language
German
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7ii sprochen hat, vermochte nicht, seinem Volke Vergebung seiner Sünden zu gewähren, sondern mußte diese erst von Gott erbitten.x) Zwischen das sündenbekennende Individuum und Gott tritt kein Sterblicher als Mittelsperson. Im Widdujsagen, wie überhaupt im Beten, tritt der Mensch in unmittelbare Beziehung zu seinem himmlischen Richter. Das bußfertige und reumütige Bekennen der Sünden eröffnet dem Sünder den geraden Weg zur Gnade und Barmherzigkeit Gottes. Auch aus diesem Grunde sollen die Verfehlungen nach Tunlichkeit nicht vor Menschen, sondern unmittelbar vor Gott bekannt werden.2) Die Gnade und das Verzeihen werden dem Sündenbekennenden von Gott selber als Quelle der Barmherzigkeit ohne Vermittlung eines Sterblichen gewährt. Zum Widduj gehört außer dem Sündenbekenntnis auch das Bekenntnis der Einheit Gottes und, wenn der Zustand des Kranken es erlaubt, das Sagen der dreizehn Glaubensartikeln (Ani maamin) des Maimonides. Speziell von kabbalistischer Seite wird das Bekennen der Einheit Gottes durch den Sterbenden für das Wohl seiner Seele sehr empfohlen. Vor dem Tode soll nämlich der Satan zur Rechten des Sterbenden stehen und in ihn drängen, er solle den Gott Israels verleugnen. Die Seele sträube sich zwar dagegen, könne aber unter Umständen unterliegen; deswegen sei ein mit Inbrunst abgelegtes Glaubensbekenntnis ein gegen die Angriffe des Satan wirksames Abwehrmittel.3) In diesem Zusammenhang ist die Erzählung Schudts 4) von Interesse, daß, laut Mitteilung des Kirchenlehrers Epiphanius, jedem sterbenden Juden der Rabbi ins Ohr rufe: ,,Glaube, daß Jesus, der Sohn Gottes und Maria, welcher unter Pontio Pilato gekreuzigt worden sei, der Gesalbte Gottes, so von den Toten auferstanden und wieder kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten." In Deutschland — berichtet Schudt — soll man den Juden ,,weiß gemacht" haben, daß in ihren Todesstunden Jesus von Nazareth sowie andere christliche Prediger und gespenstische Larven sie ängstigen und schrecken werden, und soll sie gegen solchen Spuk stark gemacht haben. Überhaupt soll in Deutschland die Meinung verbreitet gewesen sein, daß Rabbiner oder andere Personen dem sterbenden Juden heimliche Worte wie die oben — nach Epiphanius — zitierten oder ähnliche wie z. B. „wenn Jesus der wahre Messias ist, so soll das Blut dieses unschuldigen Christen, der auf seinen Heiland gestorben ist, dir gedeihen zum ewigen Leben" ins Ohr geraunt haben. Es wäre der Mühe wert, zu untersuchen, ob diese hier von Schudt gemachte Mitteilung mit der oben erwähnten kabbalistischen Legende vom Satan, der den sterbenden Juden zu bewegen sucht, er solle den Gott Israels verleugnen, in irgend welchem historischen Zusammenhange steht. Im Osten ist jeder fromme Jude — Mann oder Frau — im Falle einer *) Exodus 34, 9. 3) Tr. Berachoth 34 B., Jomah 86 B. 3) Kizzur Sch'luh a. a. O. 4) Jüdischer Denkwürdigkeiten II. Teil, Anastatischer Neudruck, Berlin 1922, S. 333—334,

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