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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 12 · p. 710

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 12
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1923-01-01
Page
710 (sequence 7)
Language
German
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7io Samuel Rappapot: Gedächtnis zu sagen. Frauen können mitunter nicht den entsprechenden Text finden. Überdies ist es im frommgläubigen Osten eine seelische Erhebung und Beruhigung, in den letzten Stunden fromme Glaubensbrüder um sich zu sehen; abgesehen davon, daß ihr Segen inbetreffs Genesung nach gesagtem Widduj die Gesundung bewirken könne, ist es dem frommen Sterbenden lieb, daß er, wenn er schon von dieser Welt scheiden müsse, umgeben von Glaubensbrüdern seine Seele zu Gott schicken kann, für deren heil- und lichtvolle Ewigkeit diese nach Tradition und Sitte in diesem Augenblick zu Gott beten. Gilt es doch im Osten als einer der furchtbarsten Flüche, wenn man jemandem wünscht, „daß er seine Seele nicht zwischen Juden aushauche". Die Anwesenheit frommer Männer beim Sterben ist nach kabbalistischer Ansicht von nicht geringer Bedeutung für das ewige Wohl des Heimgegangenen. Dem Sterbenden wird von einem frommen Manne der Widdujtext vorgesagt, den jener Wort für Wort, je nachdem es ihm die Kräfte erlauben, laut oder still nachsagt. R. Jesaia Hurwitz (SCH'LUH) verlangt, daß der Widdujsagende unbedingt den Text, den er sagt, verstehe. Im ,,Kizzur Sch'luh" wird mitten im hebräischen Text in jüdisch deutscher Einschaltung auf obigen Umstand besonders aufmerksam gemacht. Im Abschnitt, der vom Widduj handelt, heißt es da wörtlich: ,,Einer der ein Am ha Arez (= Unwissender) is oder eine Ischah (= Frau) die kein Laschon ha Kodesch (= heilige Sprache Hebräisch) verstehen kann, sollen die Widduj auf Teutsch sagen, wenn sie gesund sind, mikol sch'ken (um so mehr) wenn sie krank sind, soll man ihnen Widduj vorsagen, auf Teutsch, damit sie verstehen, was (sie) sagen". l) Die üblichen Widdujtexte, sonstigen Gebete und die entsprechenden Psalmen wie Bibelstellen für Kranke und Sterbende sind von dem Kabbalisten R. Ahfon Berachja aus Modena (starb 1639) in seinem sehr verbreiteten, Vorschriften und Gebete für Kranke, Sterbende und Friedhofsbesuchende enthaltendem Werke Maabar Jabbok zusammengetragen, wo sich, außer der von ihm verfaßten und kabbalistisch gehaltenen auch andere traditionelle Widdujtexte, längere für Kranke und kurze für Sterbende, befinden. Es muß bei der Gelegenheit darauf hingewiesen werden, daß das Widduj benannte jüdische Sündenbekenntnis in seinem Wesen und seiner Anlage grundverschieden ist von dem, was man allgemein als Beichte bezeichnet. Das Widduj bewirkt keinen Sündenerlaß und keine Absolution durch irgend einen Menschen, und wenn er auch der höchststehende ist, der als Vertreter der Göttlichkeit hierzu berufen sei oder die Vollmacht dazu habe. Einen Sterblichen, dem eine solche Macht und Befugnis von Gott eingeräumt sei, kennt das Judentum überhaupt nicht, ja: eine solche Auffassung widerspräche geradezu seinem Geist und Wesen. Selbst ein Moses, der größte Prophet Israels, mit dem Gott von Angesicht zu Angesicht ge-!) Kizzur Sch'luh. Zolkiew 1725, Blatt 92 B.

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