Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Saul
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 702 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101200-3108718--6596-3108768- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
702 Julius Levinsohn: David sieht Sauls Not. Er wird Jonathans Freund. Jonathan lebt vielen nicht umsonst. Die Anhänger des Hauses Joseph, die Führer der kanaaniterfreundlichen Partei erhoffen von ihm, der schon in mancher Schlacht Geschick und Mut verraten hat, die Lösung jener dunklen Fragen, die sich aus dem Zustand des Königs Saul ergeben. So ist ihnen das Bündnis Davids mit Jonathan auch für die Zukunft sehr erwünscht, und für die Gegenwart erkennen sie in dem Vertrauen, das David bei Saul gewinnt, ein Zeichen der loyalen Haltung des Judäerfürsten. Nicht minder aber, wenn auch von dem anderen Pol politischer Interessensphäre her, begrüßen die Anhänger Samuels das Emporkommen Davids. Und David reiht von nun an Erfolg an Erfolg. Er gewinnt Sauls Tochter zum Weibe, er steigt zu den obersten Stellen im Heere auf, sein Name geht auf in Israel wie ein glänzendes Gestirn. Besonders in dem erneuten Kampf mit den Philistern bewährt er sich als genialer Führer. Saul verstummt. Er bkibt daheim, während seine Heere gegen die Philister kämpfen; in Gibea, auf dem väterlichen Gut, die Lanze in der Hand, sitzt er schweigend da, nur hin und wieder einen Rechtsfall schlichtend. Doch in seiner Brust toben die dämonischen Gewalten des Argwohns, Mißtrauens und Neides. Sein immer reges Ohr vernimmt das Flüstern um ihn her, sein Unmut wächst, der Krampf des Lebenwollens packt seinen Lebensnerv, der Dämon in seiner Brust umnachtet seine Stirn. Saul verliert die Herrschaft über sich selbst. Die Zuflüsterungen der einen über Jonathan, der anderen über David, das offenbare Einvernehmen zwischen beiden, das Schweigen seiner Umgebung entfesseln in dem König den wilden Sturm der Leidenschaften, die sich bis dahin tief in der Seele des Einsamen vergraben hatten. Sein ganzer Grimm ergießt sich über den, der nur gekommen war zu heilen. Und wie nun David, statt mit Worten sich zu reinigen, die Saite ergreift und ihr meisterhaft zu klagen und zu jubeln gebietet, da erhebt sich König Saul und schleudert seine Lanze gegen den verhaßten Freund. David bleibt unversehrt. Eine tiefe klare Erkenntnis siegt in ihm, die Erkenntnis von der Verworfenheit des Königs und von seiner eigenen Bedeutung für Israel. Er weiß jetzt, daß er sein Leben retten muß — für Israel. So scheidet er von Jonathan, scheidet für lange Zeit aus dem Kreise der Führer Israels. Er flieht vom Hofe Sauls, um in seiner Heimat eine Zufluchtstätte zu suchen. Er gelangt zunächst nach Nob, wo Achimelech, ein Nachkomme Elis von Schilo, ein JHWHheiligtum bedient. Der Ahnungslose nimmt ihn gastlich auf. Dann flieht er weiter südwärts, Adullam zu, der Feste an der Grenze des Philisterlandes. Hier sammelt er die Mannen seines Hauses: Joab, Abisa, Asahel, die Söhne der Zerujah und die anderen, und 400 Abenteuerer dazu. Dann bringt er seine Eltern nach Moab und flieht, von Saul verfolgt, nach dem südlichsten Juda. Doch gerade hier hatte Saul eine zahlreiche Anhängerschaft noch von dem Amalekiterkriege her. So war David gezwungen, eine Zeitlang in seiner eigenen Heimat wie ein Verbannter rastlos umherzuziehen, bis er durch die Heirat mit Abigatt,