Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Saul
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 701 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Saul 701 Klang ein, durch den er vordem für eine Weile die guten Geister der Einheit gerufen hatte. Und der König Saul kehrte von Gilgal nach Gibea zurück. Er empfängt schweigend die Huldigungen Judas, Benjamins, Ephraims und Manasses. Er sieht Israel zu seinen Füßen. Er hört die Stimmen flüstern von links und von rechts, vernimmt das Murren der einen, das Frohlocken der anderen. Und zum erstenmal, seit der Ruf Gottes an ihn erging, ist er allein. Die ganze Schwere der Verantwortung fühlt er auf sich lasten. Und er fühlt seine Ohnmacht, quälend, lähmend in seiner Brust, die ganze Niedrigkeit seines Menschen vor Gott und vor Israel. Es schreit in ihm auf, greift würgend sein Leben an — die klare unerbitterliche Erkenntnis seiner Nichtigkeit, des unerträglichen Elends seines Daseins. Das Spiel ist aus. „Der Geist Gottes wich von Saul und es quälte ihn ein böser Geist von Gott"1). Der Dämon der Verzweiflung bemächtigt sich der Seele Sauls, der Dämon des Trotzes, der Dämon des Aufruhrs. Der von Gott verlassene Saul steht auf gegen Gott, gegen Samuel, gegen Israel. Zu klein, um würdig zu entsagen, und dieser letzten Ohnmacht doppelt schwer sich bewußt, treibt ihn der Dämon seines Wesens zum Leben um jeden Preis. Er weiß, wie das alles enden wird. Doch eben dieses ist das Geheimnis dämonischer Gewalt, daß sie dem Wissen trotzend, trotzend sogar dem ehernen Befehle göttlichen Rechts, den Elenden zwingt, sich im kurzen Krampf elenden Widerstandes zu verbluten. Der Unmut seiner Seele, die Unruhe seiner Bewegungen erregen in seiner Umgebung staunende Verwunderung. Feind und Freund erkennen in dem kranken König das Walten finsterer Geister. Man sinnt auf Abwehr, man sucht und findet einen Mann, der des Königs Vertrauen gewinne und ihn von dem schweren Fluch befreie. Der Mann ist David aus Juda, jung, tüchtig, geistvoll, schön, der Kirnst des Saitenspieles, des Liedes und der Rede mächtig, ein Liebling Gottes und der Menschen. Feind und Freund wählen ihn zu dem schweren Amt. Die Feinde in geheimer, von Samuel genährter Hoffnung, aus Juda, dem Land des reinen JHWHdienstes, werde ein neuer, von ihm gesalbter König erstehen, nicht belastet mit den schlimmen Traditionen des Hauses Joseph; die Freunde im Glauben an die Macht des Edlen über Saul, an seine Begnadung durch Gott, an die Notwendigkeit der Hegemonie Josephs einerseits, an die Verbindung mit Juda andererseits. Der edle David kommt vor Saul, Leicht, glücklich, ahnungslos, ruhend in sich selbst, der eigenen Kraft sich kaum bewußt, so kommt er von den Quellen des Lebens her, wo in vergessener Stille sein Atem eben noch mit dem Spiegel kühler Wasser gespielt, kommt vor Saul, sieht die Lanze in seiner schweren Hand, blickt in das Auge Sauls, das ihm entgegensucht, fragend, wissend, befehlend. Ein Schweigen fällt zwischen den König und seinem Knecht. 3) h S. 16, 14.