Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Saul
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 699 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101200-3108718--6593-3108765- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Saul 699 sie den Israeliten im Wege, standen sie hemmend zwischen der Verheißung und ihrer Erfüllung. Halb Nomaden, halb Ackerbauer, einem König gehorchend, und doch wieder Wüstenstämmen gleich, das südliche Juda ständig heimsuchend — so waren sie eine dauernde Gefahr für ganz Israel. Da ergeht an Saul doppelte Botschaft. Juda, zur Verbindung mit Sauls Krone bereit, erbittet Hilfe gegen Amalek, und Samuel tritt mit dem Befehl zu diesem neuen heiligen Kriege vor Saul: „Ziehe hin und schlage Amalek und belege ihn und seine ganze Habe mit dem Bann und verschone ihn nicht und töte Männer wie Weiber, Kinder wie Säuglinge, Rinder wie Schafe, Kamele wie Esel — im Namen Gottes"1). Saul gehorcht. Von Telaim aus überfällt er Agag, den Amalikiterkönig, schlägt ihn, nimmt ihn selbst gefangen. Eine ungeheuere Beute ist sein, der große Tag ist da. Saul, der Sieger, der Retter, der König kehrt heim, umjubelt vom Heere. Israel atmet auf. Saul fühlt, wie sein Geist wächst, er sieht die Welt unter sich, er nähert sich Gott. Noch eine Weile — und es ist vollbracht. Und so, ganz voll von Gottes Geist, ganz erfüllt von einer Freude, die nur dem Überwinder eignet, so, ganz im Taumel der Erfüllung —• so steht er zum erstenmal sich selbst gegenüber als einem Überwundenen. Das Große, daß ihn trägt, trägt ihn hinweg von dem kleinlichen Gefühl der Rache, von den Instinkten gewöhnlicher Sieger. Sauls Größe war nie größer als in diesem Augenblick. Die alte Zeit, die blutige Vergangenheit versinkt. In seinem Geiste leuchtet, kurz, scharf, schneidend — für einen kurzen Augenblick —• das Blinken einer neuen Zeit auf. Ein Funke ewiger Vernunft mischt sich in das Gefühl der eigenen Macht. Saul glaubt Gott näher zu sein, als Israel und Samuel es sind, sein Recht treuer zu erkennen als sie. Zum erstenmal sieht er wirklich die Größe seiner Aufgabe. Und an den Sieg des Schwertes denkt er den Sieg des neuen Gottesrechts über die blutige Grausamkeit des alten zu reihen. Auch vermeint er durch diese Politik der Mäßigung die alten Feinde zu versöhnen. Und so befiehlt er, Agag zu schonen, und das Beste der Beute unter die erschöpften Krieger zu verteilen. Man zieht zum Gilgal, zum feierlichen Dank und Siegesopfer. Doch nun erscheint Samuel, und Sauls Größe verschwindet wie ein Spuk. »Was hat Saul getan? Was will der Seher?" Die erregte Menge faßt es nicht. Doch Prophet und König verstehen sich. So haben immer wieder spätere Geschlechter die zwei einander gegenüberstehen sehen, Auge in Auge. Dies war das erste Mal — doch tausendfach in der Geschichte hat es sich wiederholt. Saul erkennt dem Großen gegenüber, daß die Macht der eigenen Persönlichkeit nicht groß genug ist, um sich im inneren Kampfe zu behaupten. Der Mann, der auf dem Schlachtfeld siegen konnte, war nicht dazu geboren, Entscheidungen zwischen den Führern des inneren Leben Israels auszufechten. Er erkennt, daß sein großer Augenblick verrinnt, wo das Leben *) L Sam. 15, 3.