Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Saul
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 698 (sequence 8)
- Language
- German
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698 Julius Levinsohn: entscheidend Richtige zu tun, überläßt er sich blind dem Geiste, der ihn treibt, und vollbringt wütend Taten eifervoller Gewalt Den Bewohnern von Gibeon waren die Israeliten vertraglich zur Wahrung ihrer Sicherheit verpflichtet1). Saul, für JHWH fechtend, sucht dieGibeoniten zu vernichten. Doch das Unternehmen des Königs mißlingt. Und den Triumph der Gibeoniten meldet der Chronist. Nach dieser Tat sucht Saul von neuem auf dem äußeren Kriegschauplatz sein Glück zu erproben. Er umgibt sich mit den erlesensten Helden Israels. Auch mit Juda knüpft er Verbindungen an. David aus Beth-lechem kommt an seinen Hof. Dann wird der Krieg gegen die Feinde im Westen und Osten fortgesetzt. Einzelne Erfolge werden errungen. Doch die Entscheidung, die ersehnte innere Entscheidung, das Ja oder Nein seines Menschen, das ergibt sich aus diesen Kämpfen nicht. Nur ahnungsvoller wird der König Saul. Der Stillstand erscheint ihm bereits als Be- Siegelung seines Geschicks. Die Schleier düsteren Bewußtwerdens umziehen langsam sein Gemüt. Saul kämpft in seiner Seele einen schweren, heldenmütigen Kampf. Dem übermächtigen, ahnungsvollen Erkennen zum Trotz erhält sich auf dem Grunde seiner Seele der Glaube an sich selbst, an Gott, an Israel, mit der ganzen Zähigkeit seines Stammes klammert er sich an den Gedanken seiner Auserwähltheit. Sein Ich schwankt: so hält er sich verzweifelt an ein Nicht-Ich, auf das er hofft. Da ergeht an ihn der Ruf zum Kriege gegen Amalek. Der Bund zwischen Samuel und Saul beruhte auf der Verwirklichung der Samuelischen Idee vom Gottesstaat. Saul hatte bisher kaum den Anfang zu ihrer Realisierung gemacht. Die Zahl seiner militärischen Erfolge — an sich nicht allzu groß — bedeutete nur wenig gegenüber der Aufgabe, Israel als Ganzes in einem neuen Rechtsstaat zu organisieren. Der Abstand zwischen der Idee und ihrer Verwirklichung mußte das Bündnis Samuels mit Saul erschüttern. Gleichwohl konnte Samuel das Gotteskönigtum als solches nicht aufgeben. Denn nach der Konvention von Mizpah war der Gehalt dieses Königtums ganz und gar den letzten Zielen Samuels angepaßt. Hätte sich jetzt Samuel vom Königtum als solchem abgewandt, er hätte das Feld seinen politisch-sozial-religiösen Gegnern geräumt. Die Losung für Samuel und seine Partei konnte darum nur lauten: Mit Saul oder mit einem besseren Manne, aber allezeit für Gott. Samuel hatte sich also zu entscheiden, ob er weiter an der Person Sauls festhalten solle oder nicht. Er war bereit, auch gegen den Willen der Partner von Mizpah sich von Saul zurückzuziehen, falls es sich erweisen sollte, daß der nicht die Kraft besaß, sich und Israel unbedingt Gott zu unterwerfen. Das waren die Erwägungen, die Samuel und seine Anhänger bewogen, Saul auf eine letzte Probe zu stellen. Die Amalekiter saßen zwischen Sinai und Kanaan. Seit jeher standen *) Josua 9, IL Sam. 4, 2 ff.; 20, 2.