Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Saul
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 697 (sequence 7)
- Language
- German
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Saul Zorn furchtbar, ausbrechend und mit einem Strom glühender Begeisterung alles mit sich reißend, was seinen Weg trifft, ein dämonischer Kraftmensch, sich selber ein Geheimnis — so eilt Saul mit seinen Israeliten in den Kampf gegen die Philister. Er führt sie nicht, er stürzt ihnen voran. Doch schon im Anfang stockt sein Lauf. Gerade in Gibea, seiner Stadt, hat ein Vogt der Philister sein Zelt aufgeschlagen. Nicht Saul, Jonathan, Sauls Sohn erschlägt ihn. Das ist das Signal zum entscheidenden Kampf, Saul ruft zum heiligen Kriege. Israel folgt. Aber beim Anblick der Philister, die in Michmas, Gibea gegenüber ein Lager aufgeschlagen haben, entfällt den Israeliten der Mut. Saul bleibt mit 600 Mann allein. Durch diesen ersteh Schlag war im Grunde schon sein und Israels Schicksal entschieden. Der Geist, der in Saul lebt, lebt nur in ihm allein, er zeugt nicht neuen Geist; sein Wesen gebiert nicht wieder Form und Gestalt. Saul vermag Israel nicht wirklich an sich zu fesseln. Er gehört zu den Naturen, die im ersten Anprall überrumpeln, denen es aber nicht gegeben ist, inbeständ i g e m Schaffen die Menge hinter sich her zu zwingen. Er gehört nicht zu den großen Diktatoren der Weltgeschichte, zu jenen, die mit eisernem Griff Masse und Geist der Völker umklammert hielten, vielmehr zu jenen, die mächtig der Rede, ohnmächtig des Wortes, machtvoll im Glauben, machtlos im Überzeugen, mächtig der Tat, ohnmächtig des Werkes, von einer Welle emporgetragen, von einer anderen gestürzt werden. So liegt Saul den Philistern abwartend und tatenlos gegenüber. Jonathan, der leichtere Sohn, behender, tollkühner als der Vater, überfällt den Posten der Philister. Diese wähnen, daß Israel herannahe, und stürzen in wilder Flucht davon. Die Erde schwankt, JHWH selbst scheint dem zaudernden Saul zu Hilfe herbeizueilen. Dieser, seines Gottes wieder gewiß, führt die Seinen nun wirklich in den Kampf. Der schon sinkende Glaube an die eigene Berufung erwacht von neuem in seiner Seele. Ein Schatten, eine leichte Wolke wich. Saul ist wieder Saul. Die Israeliten, durch die unerwartete Flucht der Philister ermutigt, wagen sich wieder zu ihm. Wieder, wie vor Jabesch, wird der Sieg errungen, der Feind bis Ajalon in die Ebene verfolgt1). Sauls Sonne strahlt aufs neue. Doch ihn wärmt diese Sonne nicht. Er fühlt, daß nicht er, daß JHWH für ihn die Schlacht gewann. In einer stillen Stunde, da er in sich hinabblickt, ergreift ihn ein Schauer. Er sieht sich zum ersten Male selber und erschrickt in dieser Begegnung. Aber die Welt sieht Saul nicht. Sie sieht nur den König Saul, an d e n klammert sie sich mit dem Starrsinn der Verzweiflung. Von dem verlangt sie die große Tat, die nur einer tun kann; sie glaubt ehrlich, daß nur einer, nur er es vermag. Und Samuels, des Sehers Augen sind voll stummer Frage auf Saul gerichtet. Der König fühlt die Augen Israel auf sich ruhen, fühlt instinktiv das Verlangen, zu zeigen, wessen er fähig ist. Aber in Wahrheit unfähig, das *) I. Sam. 13, 14.