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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 12 · p. 694

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 12
Article
Saul
Date
1923-01-01
Page
694 (sequence 4)
Language
German
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694 Julius Levinsohn: der nahm, was man ihm nicht gab, scheiterte, weil er versuchte, das Königtum allein auf Krieg und Gewalt zu begründen. Gideon und Abimelech sind Vorboten einer neuen Zeit. Aber die Zeit war noch nicht reif. Es mußte erst ein neuer Feind von außen und ein neuer Mann im Inneren aufstehen, um sie reifen zu lassen. Der Feind kam vom Westen. Er kam mit der ganzen Wucht eines ebenbürtigen Kulturvolkes. Er kam nicht, um zu rauben, wie Moabiter, Ammoniter und Midjaniter, er kam, um zu besitzen, wie die Israeliten selbst. Moabiter, Ammoniter und Midjaniter waren den Israeliten unterlegen, ihre Niederlage im voraus gewiß. Die Philister waren den Israeliten ebenbürtig, übertrafen sie an technischer Kultur. Es war ein Kampf historischer Gewalten, sein Ausgang so ungewiß, wie der der Schlacht bei Marathon. Und wie später die Perser, so gehen damals auch die Philister zum Angriff über. Sie nutzen die kritische Situation Israels geschickt aus. Die Basis ihrer Operationen bildet die langgestreckte Küstenebene südlich vom Karmel. Von hier aus steigen sie in das Bergland auf. Zwischen Afek und Ereneser kommt es zur gewaltigen Schlacht1). Die besiegten Israeliten holen die heilige Lade aus Schilo herbei. Zum ersten Mal gedenkt wieder Israel seines Bundes. Gott aber folgt seinen Kämpfern nicht. Israel wird zum zweiten Male vernichtend geschlagen. Die Lade selbst fällt in die Hand der Sieger. Israel ist vernichtet. Die Philister besetzen das Bergland und zerstören den Tempel in Schilo 2). Der Priester Eli stirbt vor Gram. Das ewige Licht erlöscht. Auf diese verzweiflungsvolle Situation Israels wirft die tragische Gestalt des Schimschon ein grelles Licht. Israels Kraft versagte, da der Geist aus ihm entwich. Es folgte eine Zeit höchster Demütigung, der Prozeß der Auflösung trat in sein kritisches Stadium. Doch im stillen reifte ein Mann heran, der der Stunde gewachsen war. Es war Samuel, der Schüler Elis. Als Priester aufgezogen, versah er zunächst den gewohnten Dienst der Gottheit. Doch bald verläßt er den ebenen Weg des Priesters. Das Handwerk wandelt sich zur Gnade. Ausgerüstet mit der Kraft individuellen Gotterfassens sucht und findet er die Offenbarung seines Gottes nicht mehr durch die Regeln der Zunft, sondern durch den eigenen, eingeborenen Geist. So wird aüs dem Priester der Seher Samuel. Der Geist Samuels erfaßte das Gesamt problem Israels. Was das Bewußtsein der Richter kaum gestreift, was Gideon erkannt, doch durchzuführen unterlassen hatte, das erhob Samuel zur politischen Idee, zum politischen Programm. Und dieses Programm enthält ein doppeltes: die Zusammenfassung zum Staat und die Basierung dieses Staates auf Gottes Recht. Zur Eroberung der Wirklichkeit für die Idee aber bedurfte es eines von ihr erfüllten Menschen, der fähig war, das Schwert zu führen, um den *) I. Sam. 4, i ff. 2) Jer. % iz—14.

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