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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 12 · p. 693

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 12
Article
Saul
Date
1923-01-01
Page
693 (sequence 3)
Language
German
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Saul 693 Recht erstehen zu neuem Leben. Die Richter sind die ersten Zeugen des kanaanitischen Israel in der Weltgeschichte. Zeit und Ort der Tätigkeit des Richters war begrenzt, und begrenzt war auch sein politisches Ziel. Die Zerstückelung Israels war so weit fortgeschritten, daß die einzelnen Teile zunächst um ihr Eigendasein kämpfen mußten. Ihr materielles wie geistiges Sein stand auf dem Spiele. Das Größte, was damals erreicht werden konnte, war die Koalition einzelner solcher Splitter zu einer einheitlichen Kampfesorganisation, die aber, ad hoc gebildet, nach getaner Arbeit wieder zerfiel. Nur ein Teil der israelitischen Stammesgruppen folgt der Deborah in den Kampf. Und noch beschränkter ist das Gebiet, aus dem sich das Heeresaufgebot der späteren Richter rekrutiert. Wir hören hier nur von den Befreiungsversuchen einzelner Landschaften. Ehud ben Gera (Benjamin) erschlägt den Moabiterkönig Eglon, Jepftah (Gilead) besiegt die Ammoniter, Gideon Jerubbaal (Manasse) wirft die Midjaniter über den Jordan zurück. Und doch bedeutet das Auftreten der Richter einen Wendepunkt in der Entwicklung Israels zum Volk: Der Kampf gilt nicht mehr der Eroberung, er gilt der Verteidigung der Ackerflur. Das Große der Richterperiode ist der Versuch, Gottes Recht, das einst nur Kriegsrecht war, umzubilden zu einem Recht des Friedens. Der israelitische Bauer, an den Boden gefesselt, kann den Verlockungen bodenständiger Kultur nicht länger widerstehen. Der gänzliche Abfall zum Baal steht bevor. Da beginnen die Richter das große Werk, an dem Generation auf Generation arbeiten sollte, bis es vollendet war, das Werk der Verschmelzung des alten jüdischen Rechts mit dem Reichtum der Naturkräfte, und ihrem Spender; dem Baal. JHWH soll die Wüste verlassen und in Kanaan seinen neuen Wohnsitz aufschlagen. Er soll an die Stelle des Baal treten und dem israelitischen Bauern das gewähren, was er zum Leben bedarf, aber er soll es anders tun, als Baal es tat, er, der alte Gott des Rechts. Das mögen die Ziele gewesen sein, die den Richtern vorschwebten, die säe allerdings nicht zu verwirklichen vermochten. Das alte Recht kannte nur ein ganzes Israel. Sollte es also wieder auferstehen, so mußte auch Israel ein Ganzes werden. Die Richter aber waren nicht imstande, den zerstückelten Volkskörper als Ganzes zu erfassen. Sie sprachen wohl in einem neuen Geiste Recht, darin dem Praetor Roms gleichend, der ebenfalls durch seinen Spruch das Recht wandelte. Aber sie sprachen nur Recht, wenn und wo man es vor sie brachte; sie ließen das Volk zu sich kommen, wie es war und wo es war. Sie waren die Führer der Stunde. Israel aber brauchte mehr: einen Führer des Staates. Das wußte Gideon, Manasses Fürst, der in seinem Lande, dem größten des damaligen Israel, ein königlicher Mann war. Doch lehnte er die Königskrone ab, die ihm der Stamm anbot. Denn er erkannte, daß es nicht auf Manasse, sondern auf ganz Israel ankam. Und dieser Aufgabe fühlte er sich nicht gewachsen. Abimelech aber, sein ehrgeiziger Sohn,

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