Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Saul
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 692 (sequence 2)
- Language
- German
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69* Julius Levinsohn: Das Wesen Gottes ist die Sorge für die Verwirklichung der Rechtsidee, die, an sich räum- und zeitlos, in dem Israel der Wüste Anerkennung fand, weil sie sich aus seiner räumlich-zeitlichen Wirklichkeit mit Notwendigkeit ergab. Aber ebenso, wie das Recht, in der Wüste geboren, in ihr seine Grenze findet, so ist auch das Reich JHWHs auf die Wüste, auf die Umgebung seines Wohnsitzes beschränkt. Daher treten die Israeliten bei ihrem Einzüge in Kanaan in das Reich eines Freudengottes ein, in das Reich des Baal. Ist aber JHWH Geist, so ist Baal Herr, Inhaber von Macht; ist Gott mit Israel durch einen Rechtsbund verknüpft, so ist Kanaan der Willkür eines schrankenlosen Despoten preisgegeben. Israel war frei, Kanaan war Knecht. Und die Knechtschaft, das Betteln um das tägliche Brot, um die Fruchtbarkeit des Bodens, erzeugte in dem Kanaaniter jene Bereitschaft zum Opfer, zum Opfer seines Besitzes, seiner eignen Kinder, seiner Ehie. In dieses Reich trat Israel ein. Der Boden wurde sein Leben. So mußte auch immer mehr der Baal, der Herr des Bodens, sein Herr werden. Gottes Bild und Gottes Recht drohten in der Seele Israels zu erlöschen. Der Zerfall Israels ruft die Feinde von außen. Bruderstämme, die eben noch, den wilden Sieger fürchtend, sich vor ihm in den Staub warfen, Ammoniter, Midjaniter, Moabiter drängen über den Jordan. Israel, ohne Recht, ist führerlos, seine Stämme, müde des ewigen Krieges, neigen dem Frieden zu; sie schließen ihn mit dem Kanaaniter, dem Feinde von gestern. Immerhin, was der Krieg nicht vermochte, vermag der Friede: das Land fällt Schritt für Schritt den neuen Herrn anheim. Aber diese selbst sind nun nichts mehr als Herrn, Inhaber von Macht. Das Wesen Israels stirbt in dem Grade, in dem seine Macht wächst. Die Splitter des zerfallenden Israel saugen das Blut unterworfener Bauern, und so werden sie körperlich, was jene waren — Bauern; ihre Seele aber entflieht. Die wirtschaftliche Macht der Volksplitter erstarkt, die politische Macht Israels, ohne Seele, ohne Recht, ohne Wesen stirbt ab. So haben die Feinde ein leichtes Spiel. Das politisch zerstückelte Israel wird gar bald ihre Beute. Der ehedem freie Wüstensohn, der gerade den Fuß auf den Nacken des Kanaanitischen Bauern setzt, wird zum Sklaven seiner freieren Brüder aus der Wüste. Das Kriegshandwerk, vormals heiliges Gebot, wird zur drückenden Last. Der heilige Eifer ist erloschen. Die Mannen Israels folgen der heiligen Lade nicht. Sie selbst steht vergessen an ungeweihtem Ort, den niemand sucht. Israel, das eben noch voll Kraft war, erliegt. Die Macht des Bodens zerschellt wiederum an dem Ansturm der Wüste, die ganz blieb und voll ungebrochener Kraft. So droht Israel das gleiche Schicksal, das es eben noch den Bauern Kanaans bereitete. Da rührt Gott den Geist eines Menschen, unbegreiflich, selber an. Deborah, die Seherin, führt die Scharen Israels in den Kampf gegen den aufständigen Kanaaniter, und nach erfochtenem Siege spricht sie das ewige Recht. Von nun an ist Gott dem Volke gerettet. Kampf und